Monday, May 31, 2010

#102, Nachtrag: to do

Ein schmerzender Fuß, ein älteres Liebespaar und die Frage nach der Philosophie führt uns in Gedanken zu einem Kurzfilm. Ein paar müde Metroarbeiter, die darauf warten, dass endlich der letzte Zug durchfährt, möchten wir in einem Foto festhalten.
Die Szene, wie Mütter und Ehefrauen bei Einbruch der Nacht in den Müllkübeln des Supermarktes wühlen, sollte, denke ich bei mir, in einem Roman wieder auftauchen.
Und die kleine Kaffeemühle, die jemand auf die Straße gesetzt hat, könnte die Protagonistin eines Bilderbuchs werden.
Natürlich setzen wir keins dieser Projekte in die Tat um, aber wir erzählen einander davon und knacken dabei mit den Fingern.

Sunday, May 30, 2010

#68, Nachtrag: Madrid

Ich komme aus dem Metro-Aufgang, nach Flughafen und verschiedenen Transportmitteln zum ersten Mal seit Jahren an die Luft dieser Stadt. Frisch ist sie nicht, diese Luft, noch gesättigt von der Wärme des Tages drängt sie sich um mich, dazu der Geruch von Frittiertem, nach marisco, Bier und croquetas.
Noch mit verbundenen Augen hätte ich den Geruch dieser Stadt wiedererkannt, und das alles, bevor ich den ersten Gruß formuliere.

Saturday, May 29, 2010

#94, Nachtrag: Ohne abzusetzen

Diesen Namen zu schreiben: Es geht los mit einem langen, selbstbewussten Strich nach unten, der, überraschend, plötzlich im rechten Winkel abknickt. Bevor er noch zum Horizont werden kann, erfährt er zwei lustige Hüpfer nach oben, wie ein Lachen, das durch eine harmonische Kurve in einer Kreisfigur endet, die links fest steht und sich zur rechten Seite nicht hin schließen mag. Stattdessen schießt die Linie spontan in den nächsten Buchstaben und dreht sich dort um sich selbst, jedoch nicht endlos, denn am Ende steht ein Stückchen über, wie eine Hand, die man jederzeit ergreifen kann.

Friday, May 28, 2010

#18, Nachtrag: Fliegen

An einem Sonntag im Mai in der Luft vor meinem Fenster:
Pappelsamen, Hagel, gegen 20.00h eine einzelne Seifenblase.

Thursday, May 27, 2010

#95, Blick auf Langwasser

T. ist Ingenieur und Mitte 30, wie wir alle. Gestern hatten wir am Telefon folgendes Gespräch:

T: Das war wirklich ein guter Film, weil... OOOHH!
I: Was denn?
T: Also, das habe ich ja lange nicht mehr gesehen.
I: Na, was denn?
T: Da ist ein REGENBOGEN!
I: Ach so.
T: Ja, aber WAS FÜR EINER!!!
I: Na, was denn für einer?
T: Na, so ein 1A-Regenbogen eben. So ein Gütesiegel-Regenbogen. Mit allen Farben. Der... OOOOOOH!
I: WAS DENN!!!
T: Wahnsinn, der erstreckt sich ja über ganz Langwasser...
bis dahin, unglaublich, WO DIE AUTOBAHN ANFÄNGT!!!

Wednesday, May 26, 2010

#150, Echte zehn Prozent

Auf dem Tisch vis-à-vis liegen zwei Frühstücksdeckchen. Auf dem einen steht der Heizlüfter, und auf dem anderen hänge ich - mein Kopf mit Kinn in der Faust auf verschränkten Armen – die Backe im Strom heißer Luft.
Die Sonne scheint, von oben rechts über dem Dach reicht sie für eine Stunde bis unten links in die Ecke der Küche hinein. Die Wand neben dem Dosenregal strahlt in weiß. Die Geranie innen auf dem Fensterbrett blüht schon seit Wochen, Kaffee wäre noch in der Kanne, und die Krümel vieler Schrippen auf den Deckchen jucken mich nicht.
Im Radio kommt Werbung – „Echte zehn Prozent, nur hier, ich soll sie schön grüßen!“ Es ist warm genug, ich schalte den Heizlüfter aus. Jetzt, da der Lüfter nicht mehr dröhnt, merke ich, wie laut das Radio ist. Ich nippe am Kaffee, schalte den Heizlüfter wieder an, bringe meine Backe in Position und warte auf die Nachrichten.

Tuesday, May 25, 2010

#33, ICH hab's ja nicht geschrieben...

È un periodo da canzoni cantate in balcone, due braccia che ti tengono la testa, la tua mano scivola sopra la schiena e stringe forte il culo di lei che scoppia a ridere.
May 24/2010
bei: http://spaam.tumblr.com

Monday, May 24, 2010

# 26, Lehre der Dynamik

Lutz erklärt mir, wie sich alles ändern wird.
Ich soll, wenn ich still zu Hause rumsitze und mich langweile, den dicken Zeh bewegen.
Das ist alles.

Sunday, May 23, 2010

#57, Die Schönheit von Kreuzberg II

Auf einem Balkon in der Yorkstraße gesessen, nur Baumwipfel gesehen und Sonne auf dem Scheitel gespürt. Von unten stundenlang Salsa gehört und das Stimmengewirr vieler Menschen, wie im Schwimmbad. Den Karnevalsumzug, der unten vorbeizog, nicht angeschaut, aber gewusst, dass er da ist, und stattdessen fein gefrühstückt.
Und natürlich die Frage: Glaubst du, die Eier sind schon fertig?

Saturday, May 22, 2010

#200, Freundlichkeit und sportlicher Ehrgeiz

In Neukölln kommt der Karneval der Kulturen nicht an. Multi-kulti betrachtet man hier als Gewäsch, was zur Verständigung der Kulturen beiträgt, das sind stattdessen eherne Prinzipien wie Konsequenz und Unnachgiebigkeit.
Dieser Theorie folgend, konnte ich heute ein von langer Hand geplantes Projekt zum erfolgreichen Abschluss bringen. Nämlich gibt es da diese ältere türkische Frau, die eine Bäckerei in meiner Straße hat. Die Frau ist klein, dick und trägt meistens eine Kittelschürze. Besonders freundlich ist sie nicht, eher griesgrämig sogar und damit alles in allem den älteren Frauen recht ähnlich, die ich aus Süddeutschland kenne.
Im Fränkischen ist der respektvolle Gruß an die Alten üblich. Weil ich sowieso daran gewöhnt war, begann ich, auch die ältere türkische Frau in meiner Straße zu grüßen. Das war vor knapp einem Jahr.
Diese Frau allerdings erwies sich als harter Brocken. Sie grüßte nämlich nie zurück. Weil ich aber die ehernen Prinzipien kenne, grüßte ich weiter, täglich, konsequent und unnachgiebig, meistens lächelnd. Ich dachte dabei, dich krieg ich schon noch.
Und heute Nachmittag schließlich, da ist es passiert, einfach so. Ich grüßte: Und plötzlich wiegte die ältere Frau den Kopf und zog dabei den linken Mundwinkel ein bisschen nach oben - ich hab’s genau gesehen.

Friday, May 21, 2010

#200, Die Lupe meiner Mutter

Heute hat mir ein Bekannter gezeigt, wie man erkennt, ob eine Plattennadel abgenutzt ist oder nicht, und ob sie einen sphärischen oder elliptischen Schliff hat. Die Lupe, die er dazu benutzt, kenne ich. Wenn meine Mutter mit Steinen beschäftigt ist, hat sie so eine an einer Schnur um den Hals hängen, so, wie andere einen großen Bernstein tragen. Die Lupe ist klein, kaum größer als ein Hosenknopf, hat aber eine Linse, die stärker vergrößert als normale Leselupen.
In meiner Kindheit fuhren meine Eltern in die Steinbrüche. Am Wochenende waren keine Arbeiter dort, und Wachleute gab es nicht. Manchmal fuhren wir auf wilden Feldwegen in Steinbrüche, die schon lange brach lagen, und manchmal vorbei an neuen Baggern und Schildern, die Mineraliensammlern mit Konsequenzen drohten. Dort, wo gerade frisch gesprengt wurde, sind die interessanten Steine zu finden. Meine Eltern standen am Stein dicht beisammen. Sie nahm die Lupe, sah nach bestimmten Kristallen und der Maserung, erklärte, was sie sah, und zeigte, wo der Meißel zu platzieren sei. Er schlug mit dem Fäustel, so dass das Echo der Wände bis ins nächste Dorf hallte. Mal flüsterten sie, mal beschimpften sie sich, mal gelang ein Schlag und mal zersprang die Stufe im letzten Moment.

Thursday, May 20, 2010

#159, Krankenhaus, ästhetisch

Sch. liegt in der Elisabeth-Klinik an der Potsdamer Straße. Ein anheimelndes, kleines Krankenhaus aus Backstein, man hat ihn auf der Komfort-Station untergebracht, was nach DB-Lounge klingt.
Obwohl man nicht viel aus ihm herausgeschnitten hat, sieht Sch. nicht gut aus. Er hat Schmerzen. Als ich ihm sage, wie hübsch das blassblaue Muster seines Krankenhauskittels zu den grünen Streifen des Krankenhausbettzeugs passt, findet er meine Beobachtung total bescheuert. Dann muss er doch lachen.
Zwei Tage später bin ich schon wieder auf Krankenbesuch.
L. liegt in der Charité in Steglitz. Ihr Zimmer hat einen wunderbaren Ausblick auf Dächer und Bäume. Für das, was man aus ihr herausgeschnitten hat, sieht sie regelrecht frisch aus, sie erzählt mit Begeisterung von dem neuen Schmerzmittel. Während sie mir alle Kanülen und Schnitte erklärt, bleibt ihr Blick an dem blassblauen Muster ihres Krankenhauskittels hängen. Findest du nicht, fragt sie, dass das sehr hübsch zu den grünen Streifen des Bettzeugs aussieht? Doch, sage ich, das finde ich auch.

Wednesday, May 19, 2010

#159, Nachmittägliche Bestform

Heute habe ich lauter dummes Zeug geträumt. Auf einem Spaziergang sind mir zuerst gelangweilte Dachse begegnet, dann zwei rehartige Viecher mit einem roten, winkenden Schleier um die Ohren und schließlich zwei Pferde, die aussahen, als habe Miyazaki an ihnen ein bisschen die Linienführung ausprobiert.
Danach bin ich auf meinen Winterschuhen einen Berg hinunter gefahren, was großartig war, weil ich zwar eigentlich ein miserabler Skifahrer bin, aber mit meinen Winterschuhen an den Füßen zu echten Höchstleistungen aufgelaufen bin.
Außerdem gab es keinen Schnee, ich konnte also noch nicht einmal ausrutschen.
Dafür bin ich dann mit wahnsinniger Geschwindigkeit durch eine Stadt geholzt, mit lauter Sachen, die ich dabei umgefahren habe, Geranien, Sonnenschirme, Obststände, Autos, Kleinfamilien, und die links und rechts meines Gesichtskreises durch die Luft flogen.
Nach ein paar abschließenden Sprüngen kam ich schließlich mit einem eleganten Schwung zum
Stehen, begeistert, atemlos und noch innerhalb meines Traumes mit dem Gedanken:
Mann, war das cool! Darüber möchte ich unbedingt bei Aurelio schreiben!

Tuesday, May 18, 2010

#193, Die Kisten vom Boss

Eine Bekannte kommt zu Besuch und zeigt mir die Kleider, die sie auf dem Markt gekauft hat. Während sie ein Hemd vor meinen Augen gleich noch mal anprobiert, wendet sie sich und zeigt auf einen Stand, an dem sie ein Jackett gesehen hat, das mir passen könnte.
Ich folge ihr zögernd, ziehe die alte Jacke und einen Pullover aus, betrachte mit Sorge die abgetragenen Sachen und ebenso das Jackett, und als ich es anhabe und im Spiegel sehe, werde ich nervös, denn so wie es aussieht, werde ich es anbehalten.
Später wuchte ich die Kisten wie der Boss, der selber mit anpackt, sehe an der Seite den am
Rücken fallenden feinen Stoff, achte auf die Bewegungen und sehe mich nach Passanten um, die mir zusehen könnten.

Heute wähle ich eine Nummer, vergesse die Vorwahl, und lande bei einer Dame, die einen lange nicht gehörten Spruch aufsagt: „Kein Anschluss unter dieser Nummer“ - die Stimme ist neu und aufregend. Ich lege auf, warte ein paar Sekunden und wähle erneut.
Ich ziehe das neue Jackett und den französischen Hut an und spaziere die Schönhauser entlang, um nach der Frau zu suchen, die diese Ansage klären kann.

Monday, May 17, 2010

#34, Der Frühaufsteher

Die Freuden desjenigen, der als erster aufgestanden ist:

"Meine Lieben!
Ich habe die ganze Milch aufgebraucht, den letzten Toast gegessen und Käse ist auch keiner mehr da.
Habt trotzdem einen schönen Tag!
Bussi, A."

Sunday, May 16, 2010

#114, Innen Stadt Außen

Ich kenne Olafur Eliasson aus Italien, ich kenne ihn als sehr angenehmen Menschen ohne Allüren.
Seine aktuelle Schau in Berlin hat mich vor allem deshalb interessiert. Nicht damit gerechnet hätte ich, dass ausgerechnet diese Ausstellung mich durch Schönheit verblüffen würde:
In einem vollkommen dunklen Raum hängt ein beleuchteter Schlauch, aus dem Wasser spritzt. Auch das Wasser, jeder einzelne Tropfen, leuchtet. Durch den Druck, mit dem das Wasser aus dem Schlauch tritt, tanzt er. Die leuchtenden Wasserspiralen sind daher unberechenbar. Soweit die Kunst.
Die Schönheit erreichen zwei kleine Mädchen, die unter dem Schlauch stehen. Sie lachen, sie kreischen, wenn eine Wasserspirale auf ihnen niedergeht.
Das Lachen hört man schon, bevor man noch den Raum betritt.

Saturday, May 15, 2010

#110, Gewitterdisko

Wir stehen draußen, mein Bruder und ich, unter einem Dach. Das Gewitter kommt rasch näher. Der Wind bläht uns an, manchmal haben wir Sprühregen im Gesicht.
Dann beginnen die Blitze. Sie kommen, von hinter den Bäumen. Im Gegenlicht sehen die Bäume aus wie Tuscheskizzen, gezeichnet mit sicherem Duktus, hingeworfen. Auch hergeworfen, da ist viel Gewalt im Spiel.
Der Rhythmus der Blitze wird jetzt zunehmend aggressiver, Stroboskoplicht, und wie in der Disko auch hier das Gefühl, nicht mehr ganz in der Welt zu stehen. Es donnert nur selten.
Dunkel wird es nur noch für Augenblicke, wir legen die Arme umeinander, wir sprechen nicht.
Die Bäume sind Birken und Buchen, keine Eichen.

Friday, May 14, 2010

# 200, Dienst am Kunden

Am Tresen ist es schön behaglich, hier ändert sich nichts. Die Gesprächsthemen der Stammgäste sind immer dieselben. Der Wirt sagt, er hätte sich längst daran gewöhnt – „Ich renne nicht weg!“
Er erklärt, wie der Tresen entstanden ist: „Die Gäste wollten zusehen, wenn gekocht wird, um nicht betrogen zu werden.“ Einer der Gäste widerspricht: „Der Tresen ist nur eine Trennlinie, um die Gäste vom Schnaps fern zu halten.“ Er ist betrunken und wiederholt sich.
Wenn dem Wirt die Gäste auf die Nerven gehen, beugt er sich vor, hebt die Hand, öffnet den Mund, zögert, und sagt dann ein paar Worte. Er wendet sich ab, sobald jemand etwas erwidert. Während er zapft, kommt ein neues, altes Thema auf. „Dienst am Kunden“ nennt er das. „Du musst den Gästen den Eindruck geben, sie hätten etwas zu erzählen.“ - auch wenn nur der Wechsel altbekannter Themen den Schein von Schwung gibt. Er blickt zu Boden, wenn er raucht.
Schaum fließt über den Rand, wenn er zapft. Anderswo steht das Fass oberhalb des Tresens - wird gekippt und ausgewechselt, wenn es leer ist. Oder das Bier wird gepumpt. „Kein Schaum, aber natürliche Kohlensäure“ erklärt er. Ich will Schaum, und schaue ihm weiter auf die Finger.

Thursday, May 13, 2010

Wednesday, May 12, 2010

#111, Ein Glas Wasser für den Kaktus

Ich ziehe die Gardine weg, um endlich mal wieder richtig lüften zu können. In der Ecke vom Fensterbrett grüßt mich der Kaktus. Ich habe ihn seit dem Herbst nicht mehr gesehen. Ich erschrecke, denn er ist dünn geworden - und lang ist er, länger, als ich ihn in Erinnerung habe. Neben ihm stehen die Elefanten aus Porzellan und Glas, im Staub ergraut.
Ich puste ordentlich und bringe ein Glas Wasser. Es versickert augenblicklich - ich begreife nicht, wo es in dem kleinen Topf so schnell geblieben sein kann.
Wenn ich in einem Monat wieder das Fenster öffne, wird der Kaktus fett sein. Und natürlich habe ich ihn bis dahin nicht wieder vergessen.

Tuesday, May 11, 2010

#159, Die Liebe, ein Zirkus

Aus gegebenem Anlass denke ich daran, was K. einmal über mich gesagt hat: Wenn man von dir einen Handstand will, bekommt man einen Flic-Flac.
Ich war schon immer ein recht impulsiver Mensch. Wenn ich verliebt bin, werde ich regelrecht bescheuert. Beides hat sich in den letzten Jahren gebessert; aber nicht sehr. Beim Flic-Flac laufe ich noch immer Gefahr, mir alle Knochen zu brechen. Oder demjenigen, den ich damit überrumpele. (Meine Freunde wissen das und treten daher vorausschauend einen Schritt zur Seite.)
Überzeugt bin ich aber noch immer, dass Liebe vor allem eins will: Mut nämlich. Der Trick besteht darin, jemanden zu finden, der genauso viel Mut aufbringen kann, wie man selbst.
Als der Wanderzirkus einmal in unsere Grundschule kam, war ich das einzige Mädchen, das sich zur Jane küren lassen wollte. Zur Jane gekürt wurde man, indem man sich eine zweieinhalb Meter lange Boa constrictor um den Hals legen ließ. Die war erstaunlich schwer, erstaunlich trocken und erstaunlich rauh.

Monday, May 10, 2010

#168, The Dude von der Knef

Es regnet. Ich wühle in den Platten und bleibe bei „The Dude“ von Quincy Jones hängen. Eine Popplatte aus den 80ern, funky, glatt, fett und groovy. Die Platte gehörte mal der Knef, ich weiß es.
Sie und ihre anderen waren in einem erbärmlichen Zustand – je besser die Musik, desto schrecklicher sind die Kratzer – und die richtig guten haben klebrige Flecken und knistern wie ein Höllenfeuer – für Sammler ein Jammer.
Die Platten schienen alles erlebt zu haben, was ein leidenschaftliches Leben bieten kann. Ich suche eine Stelle auf dem Vinyl, die besonders schlimm aussieht, einen Fingerabdruck oder eine Art Saftfleck. Ich platziere die Nadel, und lausche.
Einmal pro Runde gibt es ein Geräusch, als wenn ein Klettverschluss mit einem Ruck aufgerissen wird. Während die Platte sich dreht, folgt mein Auge dieser Stelle - bis mir schwindlig wird. Aus dem Groove grüßt mich der Dude. Und auch wenn er ein wenig zu glatt grinsend aus dem Knistern hervorlugt, freue ich mich, endlich mal eine richtig gute zerkratzte Platte zu haben.

Sunday, May 9, 2010

# 53, Zum gestrigen Club-Sieg

Wörter meiner Kindheit:
- wie ein Achala schauen (wenn's blitzt)
- ein Reef sein
- finkeln
- Allmächd!
- das Madla
- der Wadschenbaum
- was mächadst?
- das Suggala
- eine Feschber machen
- das Gwerch
- jemanden trädsn
- das Graffl
- (das ist mir) bumbl!
- sich aufbredsln
- ein Gimpel / ein Simpel sein
- waafen
- ein Schnarchzapfn sein
- ein Waggala sein / haben
- adli sein
- Tschüssla!

Saturday, May 8, 2010

#158, Die Bienen meiner Mutter

Auf der Terrasse meiner Mutter steht ein Tisch, in dem ein kleines Bienenvolk wohnt. Hier sitzt meine Mutter, liest, arbeitet, wirft beim Lachen den Kopf in den Nacken. Meine Mutter grämt sich noch immer, weil sie als 13-Jährige den Namen des amerikanischen Schlagersängers Pat Boone falsch geschrieben hat, Pet Bun hat sie daraus gemacht. Aber zum Glück, sagt sie, hatte ich damals kein Geld für die Briefmarke, der Brief wurde nie abgeschickt.
Meine Mutter erzählt ihre Geschichten, keine einzige davon ist erfunden. Sie billigt meine Wahl (sie weiß auch: sie hat keine andere Möglichkeit), aber duldsam ist sie nicht. Nicht mehr.
Von diesem Tisch aus führt sie ihr Matriarchat wie eine griechische Göttin, nicht weise, nicht abgeklärt, sie schleudert ihre Blitze gegen diejenigen, die uns nicht wohlgesonnen sind. Hier versammeln wir uns und ertränken die Nachmittage in literweise Kaffee.
Meine Mutter sitzt an ihrem Tisch, sie spricht mit der Sonne, immer umgeben von einer Aureole aus schwirrenden Bienen.

Friday, May 7, 2010

#172, Licht über Lande

"Kann ich die Bücher, die Sie nicht kaufen wollen, hier lassen?" Es folgt ein strenger Blick des Nachdenkens, dann ein Nicken und eine Handbewegung, die genug sagt. Der Karton auf dem Boden bleibt im Laden.
Ich bücke mich und krame in den Büchern. Ein Band fällt mir in die Hand: Jacobsen. "Ich weiss, was passieren wird!" sage ich zum Antiquar, und er gibt dem Buch die Chance, gleich einer Wette, um die ich bitte.
Eine Woche später kommt ein junger Mann, eine Frau hat ihm die Briefe an einen jungen Dichter geschenkt, Rilke, er sucht mehr Rilke, und vielleicht Jacobsen? Er fragt gezielt und verlegen. Blind greife ich ins Regal und sehe, wie er blättert und versinkt. Ich seufze, als er den Laden verlässt. "Licht über Lande" - drei Worte, vielleicht noch ein paar mehr, die ich vor Jahren bei Jacobsen gefunden haben muss - jetzt auf der Straße fallen sie mir wieder ein. Und während ich aufblicke und spazierend dem frischen Grün der Bäume zublinzele, wiederhole ich immer und immer wieder den Vers.

Thursday, May 6, 2010

#168, Emotionale Drecksarbeit

Da, wo ich arbeite, raucht man auf dem Balkon. Und der Aschenbecher, der riesig ist, wird aus Prinzip nicht geleert. Gut so!
Denn wenn, wie heute, ein gemeiner Wind beschließt, den Aschenbecher umzublasen, dann watet man auch gleich knöcheltief in den Kippen.
Beim Zusammenkehren erkenne ich die Mentholkippen wieder, die Sch. geraucht hat, im letzten Sommer war das, immer höchstens 5 Züge, bis er sie gut zwei Daumenbreit über dem Filter ausdrückte. Daneben meine Selbstgedrehten, schmal und sauber heruntergeraucht, dafür in deutlich größerer Menge.
Und dann erinnere ich mich an all die Gespräche, die wir rauchend auf diesem Balkon geführt haben, Smalltalk, viel Smalltalk, aber es wurden auch die Grundlagen für Freundschaften gelegt, Eifersüchteleien wurden ausgetragen, vorsichtige Flirts angestoßen.
Soviel Emotion liegt da im Dreck!
Im NMN habe ich einmal eine Arbeit von Beuys gesehen, da hat er nach einer Demo den Müll von der Straße gekehrt und ihn anschließend ausgestellt. Vielleicht sollte ich die Chefin fragen, ob ich diese Kippen irgendwo an die Wand hängen darf.

Wednesday, May 5, 2010

#190, Vier Haie und eine Schlange

"Na Jungs, habt ihr euch was ausgesucht?" fragt die Verkäuferin in der Bäckerei. Links neben dem Kuchen sind Fruchtgummis und andere Süßigkeiten in Dosen gestapelt, davor eine Handvoll Knaben, dicht gedrängt im Halbkreis an der Scheibe.
„Ich schon!“ ruft einer nach kurzem Zögern. "Was kostet ein Hai?" - "Fünf!“
Ich sehe, wie in den Händen die Münzen gezählt werden. „Dann nehme ich vier Haie und eine Schlange!“ Der Knabe ist dem Stimmbruch eben so nahe wie der ersten vom großen Bruder geklauten Zigarette. Noch einer weiß, was er will. Ich lausche der Bestellung und freue mich, noch alles,
was verlangt wird, zu kennen. Mit jedem Wort der Order rast ein Geschmack aus vergangenen Zeiten über meine Zunge, mal süß, mal salzig, mal bitter.
Ich kaufe Rhabarberkuchen und Bienenstich. Das Oldieradio spielt die Beatles, während die Verkäuferin aus dem Fenster blickt und dabei ihre Hände den Kuchen verpacken lässt. „Noch jemand was?“ Ich traue mich nicht und hätte doch auch gerne einen Hai gehabt, oder zwei oder auch vier. Und während ich das Wechselgeld aus meiner Hand in das Portemonnaie gleiten lasse, zähle ich
die Münzen zusammen, die ich noch habe.

Tuesday, May 4, 2010

#196, Verpiss dich, Arschloch!

Auf meine Nachbarn ist Verlass. Wenn mich der Mut verlassen will, wenn mich eine kleine Melancholie anfällt, wenn ich mir Sorgen mache, über mein Leben oder das meiner Freunde, dann ist Verlass auf die Nachbarn.
Denn die Nachbarn helfen in solchen Situationen bereitwillig. Um mir Beistand zu leisten, schreien sich die Nachbarn gerne mal ein paar Stunden an. Sie scheuen keine Mühe, sich die schlimmsten Schimpfwörter auszudenken und sie möglichst laut gegen die Wand zu brüllen, damit ich sie auch sicher höre. Dabei halten sie sich an den Händen und lächeln sich manchmal verschwörerisch zu. Hin und wieder gibt es auch eine Zugabe, dann suchen sie sich das schwerste Ding in ihrem Wohnzimmer und lassen es zu Boden poltern. Das ist normalerweise Aufgabe des Mannes, die Frau klatscht dazu lautlos Beifall.
Meine Nachbarn sind zuverlässige Leute, und bei soviel Einsatzbereitschaft kann ich nicht anders, als meine Melancholie bald wieder abzuschütteln. Manchmal hilft ein direkter Vergleich einfach mehr als viele Worte des Trostes. Meine Nachbarn wissen das, und sobald sie merken, dass es mir besser geht, nicken sie sich drüben zu und geben sich eine High-Five. Danach legen sie einen deutschen Schlager auf und tanzen ein bisschen.

Monday, May 3, 2010

#179, You are like a hurricane, there's calm in your eye

Eigentlich wollte ich nur meinen Beitrag zur Allgemeinbildung Anderer leisten, so wie Andere ihren Beitrag zu meiner Allgemeinbildung leisten. Und Neil Young gehört zur Allgemeinbildung, daran gibt es keinen Zweifel.
Wie immer ein bisschen nervös, ob auch die richtigen Songs bei Youtube zu finden seien – denn was bei Youtube nicht auftaucht, existiert nicht – fand ich sie, alle.
Ich begann, natürlich, mit Heart of Gold, und plötzlich kam es zum perfekten Moment, nämlich: regnete es draußen, nämlich: war es dunkel im Zimmer, nämlich: spielte da Heart of Gold, und ich wollte einem Zweiten etwas zeigen und wurde dabei von mir selbst überrascht. Wer ich damals war, als ich diesen Song zum ersten Mal hörte, wer wir waren. Wer ich heute bin. (Wer du heute bist. Dich kenne ich nicht seit damals.)
Wie wir geworden sind, wer wir heute sind.
Das alles passt natürlich nicht in 3:11, ich hörte noch andere Stücke. Da war der Regen dann aus und ich war den ganzen Weg abgegangen, bis zu meinem Sofa in Berlin, in einem dunklen Zimmer. Es hat sich alles richtig angefühlt.

Sunday, May 2, 2010

#15, Die Schönheit der Unbeholfenheit

Das Tapsen von nackten Füßen, das immer unbeholfen wirkt, klingt am schönsten auf gesprungenen Terrazzo-Böden.

Saturday, May 1, 2010

#35, Liebe zum ersten Mai

Zwei stehen am Kottbusser Tor mitten auf der Straße und küssen sich. Als sie die Augen wieder öffnen, steht auf der einen Seite, ihnen zugewandt, eine Einsatzmannschaft Polizisten und hinter ihnen eine Gruppe Türken. Alle feixen.