Wednesday, July 28, 2010
#200, Der graue Mann, der Inselbändchen sammelt (Achim)
Wer hinein will, muss durch die Tür, und wenn die Tür sich öffnet, dann berührt sie das Windspiel, und wer am Schreibtisch sitzt, blickt auf.
Wie der graue Mann in den Laden kam, ist mir ein Rätsel. Ich bemerke ihn erst, als er direkt neben mir steht und um Verzeihung bittet: Er möchte die Inselbändchen ansehen, hinter mir, und möchte mich nicht erschrecken.
Sein dünner Anzug ist grau, sein Haar so wie sein Hemd in vielen Wäschen erblasst, nur seine Tasche ist schwarz, und so wie sie locker über der Schulter hängt wirkt das Schwarz wie eine strahlende, frische Farbe. Seine Finger fein, flink, unermüdlich: Sammlerfinger, jedem, der selber etwas sammelt, auf den ersten Blick vertraut. Er schaut auf den Schnitt, blättert von der ersten Seite direkt zur letzten, kramt in der Tasche nach einem Katalog, blättert erneut, genauer, und steckt ihn dann achtlos zurück, so wie ein Raucher, der sein Feuerzeug zurücksteckt, während er den ersten Zug macht. Erst vor kurzem kam ein Herr, bot seine tausend Inselbändchen an, verschenkte sie beinah, und war froh als er ging. Noch sind viele da, ich glaube der graue Mann ist der erste Sammler, der sie sieht. Ich wünsche ihm einen Fund!
Wie der graue Mann in den Laden kam, ist mir ein Rätsel. Ich bemerke ihn erst, als er direkt neben mir steht und um Verzeihung bittet: Er möchte die Inselbändchen ansehen, hinter mir, und möchte mich nicht erschrecken.
Sein dünner Anzug ist grau, sein Haar so wie sein Hemd in vielen Wäschen erblasst, nur seine Tasche ist schwarz, und so wie sie locker über der Schulter hängt wirkt das Schwarz wie eine strahlende, frische Farbe. Seine Finger fein, flink, unermüdlich: Sammlerfinger, jedem, der selber etwas sammelt, auf den ersten Blick vertraut. Er schaut auf den Schnitt, blättert von der ersten Seite direkt zur letzten, kramt in der Tasche nach einem Katalog, blättert erneut, genauer, und steckt ihn dann achtlos zurück, so wie ein Raucher, der sein Feuerzeug zurücksteckt, während er den ersten Zug macht. Erst vor kurzem kam ein Herr, bot seine tausend Inselbändchen an, verschenkte sie beinah, und war froh als er ging. Noch sind viele da, ich glaube der graue Mann ist der erste Sammler, der sie sieht. Ich wünsche ihm einen Fund!
Tuesday, July 27, 2010
#11, Deliziös!
Dieser Tomatensalat aus
kleinen
wirklich ganz kleinen
winzigen
fingernagelgroßen
Tomaten von meinem Balkon.
kleinen
wirklich ganz kleinen
winzigen
fingernagelgroßen
Tomaten von meinem Balkon.
Monday, July 26, 2010
#200, Auf der Suche nach der Sibirischen Zelle (Achim)
Die sibirische Zelle war einer dieser Künstlerclubs, die bereits kurz nach der Eröffnung dem Scheitern nah scheinen und sich dann als ein Projekt, das nichts zu verlieren hat, über die Jahre rettet und immer besser wird, bis es, keiner weiß wie, in Vergessenheit gerät.
Seit Jahren habe ich nichts mehr von dem Club gehört, und als ich in die Naugarder Strasse kam, abgelegen im Nordosten des Prenzlauer Berges, sah die Gegend aus, als hätte es den Club hier nie geben können. Die Ecke, die ich noch im Sinn habe, liegt unter der frischen Fassade versenkt. Ich rechne nach: Vor sieben Jahren muss ich zuletzt hier gewesen sein. Die Gegend ist friedlich und reich und hat Läden, die auf Stammkunden zählen.
In sieben Jahren wird alles so geblieben sein - ich finde nichts mehr, an das ich mich erinnern werde. Und wenn mich jemand fragt: wie sieht es jetzt dort aus? Kann ich erzählen: Schon alles beim Alten. An der Ecke steht jetzt der Milchkaffee auf den Tischchen. Ich versuche im Geiste die neue Einrichtung rauszureißen doch da ist nichts mehr zu machen. Die Schuttcontainer sind längst abgeholt.
Ist ne schöne Ecke geworden! mehr ist nicht zu sehen.
Seit Jahren habe ich nichts mehr von dem Club gehört, und als ich in die Naugarder Strasse kam, abgelegen im Nordosten des Prenzlauer Berges, sah die Gegend aus, als hätte es den Club hier nie geben können. Die Ecke, die ich noch im Sinn habe, liegt unter der frischen Fassade versenkt. Ich rechne nach: Vor sieben Jahren muss ich zuletzt hier gewesen sein. Die Gegend ist friedlich und reich und hat Läden, die auf Stammkunden zählen.
In sieben Jahren wird alles so geblieben sein - ich finde nichts mehr, an das ich mich erinnern werde. Und wenn mich jemand fragt: wie sieht es jetzt dort aus? Kann ich erzählen: Schon alles beim Alten. An der Ecke steht jetzt der Milchkaffee auf den Tischchen. Ich versuche im Geiste die neue Einrichtung rauszureißen doch da ist nichts mehr zu machen. Die Schuttcontainer sind längst abgeholt.
Ist ne schöne Ecke geworden! mehr ist nicht zu sehen.
Sunday, July 25, 2010
#89, Bei den lustigen Kuchenbäckern vom Mehringdamm
Die lustigen Kuchenbäcker sind 2, sie haben große Fenster. Hinter dem einen arbeiten sie, hinter dem anderen sieht man das Produkt ihrer Arbeit: Stapelweise frische Kuchen, die man durch eine analoge Sprechanlage, eine Art Plastiktröte, auswählen kann.
Wie sie im Laufe der Zeit immer mehr Besitz von dem Gehweg vor ihrem Laden ergriffen und ihn mit Wasserläufen und Pflanzenbögen vollgestellt haben, hat etwas Wunderland-Artiges.
Manchmal kommt auch jemand, um sich zu beschweren. Aber dann zucken die lustigen Kuchenbäcker bloß mit den Achseln und drehen den Techno ein bisschen lauter.
Wie sie im Laufe der Zeit immer mehr Besitz von dem Gehweg vor ihrem Laden ergriffen und ihn mit Wasserläufen und Pflanzenbögen vollgestellt haben, hat etwas Wunderland-Artiges.
Manchmal kommt auch jemand, um sich zu beschweren. Aber dann zucken die lustigen Kuchenbäcker bloß mit den Achseln und drehen den Techno ein bisschen lauter.
Saturday, July 24, 2010
#198, Der weiße Laden
In der Weserstraße passiert allerhand. Manche nennen sie eine Simon-Dach-Straße-für-Arme, aber das ist nicht ganz korrekt. Denn die Weserstraße ist gerade dabei, sich selbst zu erschaffen. Sie lässt sich dabei zusehen.
Und manchmal, wenn ich eine Weile nicht recht hingeschaut habe, überrascht sie mich mit einem Konzert hier, einem Event da, einer, zwei, drei neuen Kneipen.
Der weiße Laden dagegen verändert sich nicht. Seit Jahren sehe ich durch die große Scheibe nach innen, dort gibt es eine leere Theke, einen Kühlschrank und einen aufgeklappten Wäscheständer. Es kommt nichts hinzu, es verschwindet nichts. Menschen habe ich darin noch nie gesehen.
Ob dort etwas geschieht und wenn ja, was – das weiß ich nicht. Der Laden jedenfalls ist hell und still, er ist immer sauber. S. hat mir einmal erzählt, dort würde früh am Morgen das türkische Brot für das ganze Viertel hergestellt. Aber S. hat auch behauptet, die hellen Rechtecke, die über dem Wäscheständer hängen, seien Fladenbrote, die dort trockneten. Tatsächlich handelt es sich aber um Geschirrtücher, weiße, oft gewaschene, die vermutlich jeden Morgen erneut zum Trocknen aufgehängt werden oder schon seit Jahren dort unbewegt hängen. Dürfte ich ein Attribut nennen, das ich mit diesem Laden verbinde, es wäre Reinheit.
Und manchmal, wenn ich eine Weile nicht recht hingeschaut habe, überrascht sie mich mit einem Konzert hier, einem Event da, einer, zwei, drei neuen Kneipen.
Der weiße Laden dagegen verändert sich nicht. Seit Jahren sehe ich durch die große Scheibe nach innen, dort gibt es eine leere Theke, einen Kühlschrank und einen aufgeklappten Wäscheständer. Es kommt nichts hinzu, es verschwindet nichts. Menschen habe ich darin noch nie gesehen.
Ob dort etwas geschieht und wenn ja, was – das weiß ich nicht. Der Laden jedenfalls ist hell und still, er ist immer sauber. S. hat mir einmal erzählt, dort würde früh am Morgen das türkische Brot für das ganze Viertel hergestellt. Aber S. hat auch behauptet, die hellen Rechtecke, die über dem Wäscheständer hängen, seien Fladenbrote, die dort trockneten. Tatsächlich handelt es sich aber um Geschirrtücher, weiße, oft gewaschene, die vermutlich jeden Morgen erneut zum Trocknen aufgehängt werden oder schon seit Jahren dort unbewegt hängen. Dürfte ich ein Attribut nennen, das ich mit diesem Laden verbinde, es wäre Reinheit.
Friday, July 23, 2010
#155, Schlaraffen-WG
L. ist ein echter Schlaraff. Ich erkenne es nach ihrer Abreise. Überall in meiner Wohnung finden sich Spuren von ihr: Die Lampe auf dem Nachttisch hatte einen roten Schirm, als wir sie beim Trödler kauften, L. nennt sie die Madame-Bovary-Lampe.
In der Küche steht ein Strauß Rosen, den L. nicht einfach ins Wasser gestellt hat. Sie hat ihn für mich drapiert. Das Essen, das sie am Abend zuvor gekocht hat und von dem reichlich übrig blieb, enthebt mich heute aller Überlegungen zur Nahrungsaufnahme. Ich bin bestens versorgt. Dazu kommen die Schokoladen-Variationen, die L. angeschafft hat und die ich mir selbst nicht kaufen würde, die Säfte. Die Schrift, in der sie mir ihren kleinen Abschiedsgruß hinterlässt, ist üppig und trägt weite Schleifen.
L.s Weltsicht ist geprägt von einem erstaunten Utilitarismus, wie ihn nur Leute besitzen, die überhaupt nicht praktisch denken.
Und sogar die Art, wie L. ihre Flip-Flops bei mir hat liegen lassen, ist irgendwie mondän.
In der Küche steht ein Strauß Rosen, den L. nicht einfach ins Wasser gestellt hat. Sie hat ihn für mich drapiert. Das Essen, das sie am Abend zuvor gekocht hat und von dem reichlich übrig blieb, enthebt mich heute aller Überlegungen zur Nahrungsaufnahme. Ich bin bestens versorgt. Dazu kommen die Schokoladen-Variationen, die L. angeschafft hat und die ich mir selbst nicht kaufen würde, die Säfte. Die Schrift, in der sie mir ihren kleinen Abschiedsgruß hinterlässt, ist üppig und trägt weite Schleifen.
L.s Weltsicht ist geprägt von einem erstaunten Utilitarismus, wie ihn nur Leute besitzen, die überhaupt nicht praktisch denken.
Und sogar die Art, wie L. ihre Flip-Flops bei mir hat liegen lassen, ist irgendwie mondän.
Thursday, July 22, 2010
#200, The last day of summer
Wir wissen, dass auch der ungewöhnlichste Sommer endet, weil wir den Wetterbericht lesen. Wir kennen das exakte Datum des letzten Tages dieses ungewöhnlichen Sommers. Danach wird die Temperatur um 10 Grad fallen, und es wird regnen. Was wiederum danach kommt, wissen wir nicht, denn um die Wettervorausschau für die Zeit nach den nächsten zwei Wochen einsehen zu können, müssten wir den Mitgliedsbeitrag zahlen. Tun wir nicht.
Wir kennen nur das Datum, an dem dieser ungewöhnliche Sommer voraussichtlich für den Rest des Jahres endet. Dieses Datum ist heute.
On the last day of summer the sun shines bright / and we’re walking through the woods (The Opiates, The Siren Songs)
Jeder hat seine eigene Art, den letzten Tag dieses Sommers zu begehen. Ich bin viel zu warm angezogen und deshalb gibt es für mich keine Alternative. Zu L. sage ich: Komm, gehen wir ein Sommerfetzchen kaufen, damit ich mich im Winter an diesen Tag erinnere.
Und am voraussichtlich letzten Tag dieses ungewöhnlichen Sommers erzählt mir L. von einem Tag eines ganz gewöhnlichen Sommers vor ein paar Jahren, ein Sommertag, wie man ihn sich schöner nicht ausmalen könnte. Das macht mir Mut, auch die gewöhnlichen Sommer der kommenden Jahre werde ich lieben.
Wir kennen nur das Datum, an dem dieser ungewöhnliche Sommer voraussichtlich für den Rest des Jahres endet. Dieses Datum ist heute.
On the last day of summer the sun shines bright / and we’re walking through the woods (The Opiates, The Siren Songs)
Jeder hat seine eigene Art, den letzten Tag dieses Sommers zu begehen. Ich bin viel zu warm angezogen und deshalb gibt es für mich keine Alternative. Zu L. sage ich: Komm, gehen wir ein Sommerfetzchen kaufen, damit ich mich im Winter an diesen Tag erinnere.
Und am voraussichtlich letzten Tag dieses ungewöhnlichen Sommers erzählt mir L. von einem Tag eines ganz gewöhnlichen Sommers vor ein paar Jahren, ein Sommertag, wie man ihn sich schöner nicht ausmalen könnte. Das macht mir Mut, auch die gewöhnlichen Sommer der kommenden Jahre werde ich lieben.
Wednesday, July 21, 2010
#199, Solarblume
Eine der ersten Erfindungen der Solarenergie war eine Lampe, die auf die eigenen Solarzellen leuchtet. Seit Sonntag steht eine ähnliche Erfindung bei mir in der Küche:
Eine Solarblume aus Plastik.
Natürlich kommt sie aus China, und natürlich hat sie statt Erde nur Solarzellen im Topf. Wenn morgens um zehn die Sonne scheint, wird sie aktiv: Die Blüte und die Blätter wippen im Wind. Den Wind muss ich mir allerdings dazu denken. Zwei Tage schon ist der Morgen in der Küche ein anderer. Ich sehe aus dem Fenster, und mein neuer Mitbewohner wippt, und so wie ich es auch mag, die Solarblume in Aktion zu sehen, so sehr wünsche ich mir, wieder Ruhe zu haben, besonders morgens um zehn, zum zweiten Kaffee.
Nur weil die Blume oben im Regal keinen Nutzen mehr hat und ich ihr die eine Stunde ebenso gönne wie mir, ja noch eher gönne, denn es ist die einzige Stunde des Tages, die sie bewegt, werde ich nun stets um zehn einen Spaziergang machen, eine Stunde lang, da kann sie wippen so wie sie will. Und wenn ich heimkomme mit Kuchen und guter Laune ist Ruhe in der Küche,– die eine Stunde reicht für den ganzen Tag.
Eine Solarblume aus Plastik.
Nur weil die Blume oben im Regal keinen Nutzen mehr hat und ich ihr die eine Stunde ebenso gönne wie mir, ja noch eher gönne, denn es ist die einzige Stunde des Tages, die sie bewegt, werde ich nun stets um zehn einen Spaziergang machen, eine Stunde lang, da kann sie wippen so wie sie will. Und wenn ich heimkomme mit Kuchen und guter Laune ist Ruhe in der Küche,– die eine Stunde reicht für den ganzen Tag.
Tuesday, July 20, 2010
#82, Höflich empfiehlt sich der Rabe
Die Krähen fliegen über den Potsdamer Platz hinweg, über DB- und Sony-Gebäude, als wären sie bloß eine Computersimulation, ein bisschen Bewegung, das der Architekt vor den azurblauen Himmel programmiert hat.
Die Krähen am Potsdamer Platz, über dem Sony-Gebäude, vor dem blassen Halbmond, sehen aus wie die Dinosaurier aus Jurassic Park.
Und obwohl sie so hoch fliegen, als wollten sie mit diesem Kontext nicht in Verbindung gebracht werden, sind die Krähen vom Potsdamer Platz realer, als die Frau, die den Dunkin' Donuts fotografiert.
Die Krähen am Potsdamer Platz, über dem Sony-Gebäude, vor dem blassen Halbmond, sehen aus wie die Dinosaurier aus Jurassic Park.
Und obwohl sie so hoch fliegen, als wollten sie mit diesem Kontext nicht in Verbindung gebracht werden, sind die Krähen vom Potsdamer Platz realer, als die Frau, die den Dunkin' Donuts fotografiert.
Monday, July 19, 2010
#186, Vergiss Schweden!
Wir waren an der Admiralsbrücke und haben gezankt. Hitze erhöht das allgemeine Zankpotential, das ist bekannt, deswegen bringen in Italien auch gerade so viele Männer ihre Exfreundinnen um, bevor sie sich eine Kugel in den Kopf jagen.
Als der Techno-Lärm einsetzte, setzten auch wir uns in Bewegung. Nach wenigen Metern kam uns ein Typ auf dem Fahrrad entgegen, der seinen Hund – groß, weiß – vermisste.
Hatten wir nicht gesehen, wir zankten weiter.
Schon hinter dem Café Jacques holte uns eine Frau ein, die fragte: Habt Ihr hier zufällig einen Nackten gesehen? Hatten wir nicht, aber gerne hätte ich über die Gründe spekuliert, die dazu geführt haben mochten, dass der Frau der Nackte abhanden gekommen war – Hitze, Zankpotential – nur L., immer ein paar Schritte voraus, wollte darüber nicht nachdenken.
Ich malte mir aus, dass sich der Hund – groß, weiß – und der Nackte – männlich, nackt – womöglich in derselben Gegend herumtrieben, dass sie vielleicht zusammen auf dem Weg nach Schweden waren, um die Hitze und Schlimmeres zu vermeiden. Und obwohl L. und ich weiterzankten, war ich doch froh, dass sie offenbar nicht die Absicht hatte, sich mit den Beiden zusammenzutun.
Als der Techno-Lärm einsetzte, setzten auch wir uns in Bewegung. Nach wenigen Metern kam uns ein Typ auf dem Fahrrad entgegen, der seinen Hund – groß, weiß – vermisste.
Hatten wir nicht gesehen, wir zankten weiter.
Schon hinter dem Café Jacques holte uns eine Frau ein, die fragte: Habt Ihr hier zufällig einen Nackten gesehen? Hatten wir nicht, aber gerne hätte ich über die Gründe spekuliert, die dazu geführt haben mochten, dass der Frau der Nackte abhanden gekommen war – Hitze, Zankpotential – nur L., immer ein paar Schritte voraus, wollte darüber nicht nachdenken.
Ich malte mir aus, dass sich der Hund – groß, weiß – und der Nackte – männlich, nackt – womöglich in derselben Gegend herumtrieben, dass sie vielleicht zusammen auf dem Weg nach Schweden waren, um die Hitze und Schlimmeres zu vermeiden. Und obwohl L. und ich weiterzankten, war ich doch froh, dass sie offenbar nicht die Absicht hatte, sich mit den Beiden zusammenzutun.
Sunday, July 18, 2010
#186, I'm too lazy to let people know that I'm not dumb
Unsere Königsdisziplin: Ausstellungen ansehen. Am liebsten solche, wo man noch nicht alles als Kunst akzeptieren muss, was einem vorgesetzt wird. Deshalb gehen wir besonders gerne auf Akademiefeiern, ins Nationalmuseum für ägyptische Malerei in Kairo oder wie gestern auf die Werkstattpräsentation der UdK.
Der heilige Ernst der Kunstbetrachtung ist hier noch nicht eingezogen, und wo er doch schon eingezogen ist, stellen wir uns mit einem Bier in der Hand in Positur.
L.s Lieblingsarbeit an diesem Tag ist ein Kissen, das aus Rollrasen zusammengenäht wurde. Ich habe mich über den Rotweinbrunnen aus Tetrapacs amüsiert.
Auf den Fluren dazwischen, davor, danach, drüber und drunter: Farben. Und als wir dachten, alles schon gesehen zu haben, kam noch ein Raum mit Farben und dann war da noch der Korridor links runter, voller Farben.
Am Abend im Bett passiert mir das gleiche wie mit 15 im Skikurs. Damals habe ich bei geschlossenen Augen wieder den Hang vor mir gesehen, den ich mich zuvor stundenlang auf Skiern hinuntergequält hatte.
Wesentlich amüsanter sind dagegen die Farbflashs, die sich mir am Nachmittag auf die Netzhaut gebrannt haben, und die jetzt, im Dunkeln, noch einmal explodieren.
Der heilige Ernst der Kunstbetrachtung ist hier noch nicht eingezogen, und wo er doch schon eingezogen ist, stellen wir uns mit einem Bier in der Hand in Positur.
L.s Lieblingsarbeit an diesem Tag ist ein Kissen, das aus Rollrasen zusammengenäht wurde. Ich habe mich über den Rotweinbrunnen aus Tetrapacs amüsiert.
Auf den Fluren dazwischen, davor, danach, drüber und drunter: Farben. Und als wir dachten, alles schon gesehen zu haben, kam noch ein Raum mit Farben und dann war da noch der Korridor links runter, voller Farben.
Am Abend im Bett passiert mir das gleiche wie mit 15 im Skikurs. Damals habe ich bei geschlossenen Augen wieder den Hang vor mir gesehen, den ich mich zuvor stundenlang auf Skiern hinuntergequält hatte.
Wesentlich amüsanter sind dagegen die Farbflashs, die sich mir am Nachmittag auf die Netzhaut gebrannt haben, und die jetzt, im Dunkeln, noch einmal explodieren.
Saturday, July 17, 2010
#200, Zigarette im Notfall (Achim)
Der Wasserhahn an der Waschmaschine war defekt. Er schraubte daran rum, so wie es ihm richtig erschien, und auf einmal war der Hahn ab, und das Wasser schoss aus der Wand und war nicht mehr zu stoppen. Der Haupthahn, das wusste er, sei im Nachbartrakt, da ist nicht leicht dran zu kommen, und schnelles Handeln war gefragt. „Ich setzte mich hin und rauchte, schöne tiefe Züge, und ließ es fließen. Ich dachte nur: Das wird richtig teuer!“ Zwischen den Zügen spielte er mit dem Hahn, drehte ihn auf und zu, als wäre er noch angeschlossen, drehte in dann ganz auf, nur zum Trotz, denn was soll schon der geöffnete Hahn das Wasser stoppen, und trat erneut an die Wand. Und plötzlich machte die Sache Sinn: Der geöffnete Hahn ließ sich in die Wand drehen, und das Wasser floss wieder aus dem Hahn – und dann, mit dem Hahn in der Wand, drehte er es einfach ab – so, als hätte er sich grade die Hände gewaschen. „Der Druck war niedriger“ erklärt Lutz. Die Stadtwerke liefern fünf Bar, gleich einer Wassersäule von 50 Metern – „da kannst Du lange schrauben!“ „Erst den Hahn aufdrehen, und dann in die Wand schrauben! Anders geht es nicht.“
Friday, July 16, 2010
#156, Die Liebe und die Gründe
Ich will mich verlaufen“ sagte sie nachts um zwei, und als sie mir die Hand gab, wusste ich nicht mehr, wohin. Die Füße treiben mich umher, unruhig, raus hier, bis an den Stadtrand, in die Wälder, zu den Wanderschildern: dorthin, wo ich schon lange nicht mehr war.
Folge der Liebe oder folge den Gründen! – so pendeln meine Arme. Zum Spaß lasse ich den linken Arm gegen den Takt mit dem rechten schwingen, und achte auf den Schritt, wie jemand, der laute Musik in den Gliedern bemerkt. – Ach, was sollen die Gründe, ich laufe einfach immer weiter, bis der Himmel grün wird, der Boden sandig, die Hitze sanfter, der Wind freundlicher, laufe bis weit hinter die letzte Haltestelle von Schlildow - so weit, dass ich nach zwei Stunden mit müden Beinen im Wald stehen kann. Das ist ein schöner Tag heute, warm, sonnig, nicht heiss - ideal, um nachzusehen, was der Wald heute, nach Jahren, bewahrt hat.
Folge der Liebe oder folge den Gründen! – so pendeln meine Arme. Zum Spaß lasse ich den linken Arm gegen den Takt mit dem rechten schwingen, und achte auf den Schritt, wie jemand, der laute Musik in den Gliedern bemerkt. – Ach, was sollen die Gründe, ich laufe einfach immer weiter, bis der Himmel grün wird, der Boden sandig, die Hitze sanfter, der Wind freundlicher, laufe bis weit hinter die letzte Haltestelle von Schlildow - so weit, dass ich nach zwei Stunden mit müden Beinen im Wald stehen kann. Das ist ein schöner Tag heute, warm, sonnig, nicht heiss - ideal, um nachzusehen, was der Wald heute, nach Jahren, bewahrt hat.
Thursday, July 15, 2010
#144, aus dem Osten mit Liebe
Hinten im Garten spielen die Enkel des 68er-Opas mit dem Wasserschlauch, vorne auf der Straße rufen sich die Kinder Schimpfnamen zu.
In mein Wohnzimmer fällt noch immer ein bisschen mattes Abendlicht, und in der Küche rumpelt die Waschmaschine.
Ich habe Zeit. Erst jetzt wird mir klar, dass ich Zeit habe.
Ich habe keine Verabredung, ich erwarte auch nichts.
Wie fühlt sich das an?
sicher geborgen zufrieden erwachsen verliebt klar mittig sauber - sauber?
Ich könnte diesen Abend nutzen, für lange Mails, die ich seit Wochen verschiebe, für Anrufe, die ich hinausgezögert habe. Während ich noch über die Möglichkeit nachdenke, besuche ich in Gedanken die Personen, mit denen ich in Kontakt stehe. Zunächst diejenigen, die um meine Wohnung herum leben, dann, in größer werdenden Kreisen, die Freunde überall in der Republik. Ich grüße jeden bei seiner Tätigkeit, mit Zärtlichkeit.
Aber heute Abend bleibe ich bei mir.
In mein Wohnzimmer fällt noch immer ein bisschen mattes Abendlicht, und in der Küche rumpelt die Waschmaschine.
Ich habe Zeit. Erst jetzt wird mir klar, dass ich Zeit habe.
Ich habe keine Verabredung, ich erwarte auch nichts.
Wie fühlt sich das an?
sicher geborgen zufrieden erwachsen verliebt klar mittig sauber - sauber?
Ich könnte diesen Abend nutzen, für lange Mails, die ich seit Wochen verschiebe, für Anrufe, die ich hinausgezögert habe. Während ich noch über die Möglichkeit nachdenke, besuche ich in Gedanken die Personen, mit denen ich in Kontakt stehe. Zunächst diejenigen, die um meine Wohnung herum leben, dann, in größer werdenden Kreisen, die Freunde überall in der Republik. Ich grüße jeden bei seiner Tätigkeit, mit Zärtlichkeit.
Aber heute Abend bleibe ich bei mir.
Wednesday, July 14, 2010
#85, Pinch an Inch
Es ist heiß. Der Schweiß rinnt über den kalten Bauch - fünf Liter am Tag.
Ich kneife ins Fett. „If you can pinch an inch” heißt die Drohung.
So wie ich mich auch bemühe, ein Inch wir nicht draus, nicht vorne und nicht hinten. „Kein Grund sich so aufzuregen,“ flüstere ich dem Bauch zu. Doch der hat heute seinen eigenen Kopf, den er kühl halten will.
Und ich sitze im Sessel, lässig, faul, trinke und trinke und sehe ihm dabei zu, wie er sich durchzusetzen weiß.
Ich kneife ins Fett. „If you can pinch an inch” heißt die Drohung.
So wie ich mich auch bemühe, ein Inch wir nicht draus, nicht vorne und nicht hinten. „Kein Grund sich so aufzuregen,“ flüstere ich dem Bauch zu. Doch der hat heute seinen eigenen Kopf, den er kühl halten will.
Und ich sitze im Sessel, lässig, faul, trinke und trinke und sehe ihm dabei zu, wie er sich durchzusetzen weiß.
Tuesday, July 13, 2010
#69, zart
Deshalb bereite ich so ungerne Fleischgerichte zu:
Kaum hat man sich auf den Balkon gesetzt, kaum in ein Gespräch vertieft, schon sind die Rouladen angebrannt.
Diesmal jedoch klingelte kurz nach dem Essen - In Deutschland macht man die Rouladen so - das Telefon, und schnell stellte sich heraus, dass die Rouladen tatsächlich unwichtig waren.
Wichtig dagegen war das Gespräch zuvor, beinahe intuitiv geführt, vielleicht das Letzte seiner Art und durchaus entscheidend.
Kaum hat man sich auf den Balkon gesetzt, kaum in ein Gespräch vertieft, schon sind die Rouladen angebrannt.
Diesmal jedoch klingelte kurz nach dem Essen - In Deutschland macht man die Rouladen so - das Telefon, und schnell stellte sich heraus, dass die Rouladen tatsächlich unwichtig waren.
Wichtig dagegen war das Gespräch zuvor, beinahe intuitiv geführt, vielleicht das Letzte seiner Art und durchaus entscheidend.
Monday, July 12, 2010
#151, Die Schönheit der Stammkneipe
Wer eine Bar in der Nähe seine Stammkneipe nennen kann, hat großes Glück.
Die Stammkneipe ist ein Platz, den man auch alleine aufsucht, entweder spät nachts, auf ein Letztes, oder zu Beginn des Abends, auf ein Erstes. Oder man geht auf ein Erstes und bleibt bis zum Letzten, das kommt auf den Betrieb in der Stammkneipe an, auf die Öffnungszeiten und auf die persönliche Konstitution.
Ich habe Glück, denn ich habe eine Stammkneipe, sie ist zweimal Umfallen entfernt, und ich gehe dorthin, auch alleine, ohne zweimal nachzudenken oder mich umzuziehen.
Ich gehe in meine Stammkneipe, weil ich da Leute treffe, die ich kenne oder zumindest schon einmal gesehen habe. Der kluge Wirt weiß das und wird versuchen, seine Aufmerksamkeit möglichst gerecht auf sein Publikum aufzuteilen.
Manchmal ist sich das Publikum aber selbst genug, und dann setzt sich auch der kluge Wirt mal irgendwo dazu und ist froh, ein bisschen zu quatschen.
Die Stammkneipe ist ein Platz, den man auch alleine aufsucht, entweder spät nachts, auf ein Letztes, oder zu Beginn des Abends, auf ein Erstes. Oder man geht auf ein Erstes und bleibt bis zum Letzten, das kommt auf den Betrieb in der Stammkneipe an, auf die Öffnungszeiten und auf die persönliche Konstitution.
Ich habe Glück, denn ich habe eine Stammkneipe, sie ist zweimal Umfallen entfernt, und ich gehe dorthin, auch alleine, ohne zweimal nachzudenken oder mich umzuziehen.
Ich gehe in meine Stammkneipe, weil ich da Leute treffe, die ich kenne oder zumindest schon einmal gesehen habe. Der kluge Wirt weiß das und wird versuchen, seine Aufmerksamkeit möglichst gerecht auf sein Publikum aufzuteilen.
Manchmal ist sich das Publikum aber selbst genug, und dann setzt sich auch der kluge Wirt mal irgendwo dazu und ist froh, ein bisschen zu quatschen.
Sunday, July 11, 2010
#44, out of service
Der einzige Platz, an dem sich dieser tropische Sommersonntag angenehmer hätte verbringen lassen als in meiner wohltemperierten 1.Stock-Wohnung, wäre ein Swimmingpool auf einer Dachterrasse gewesen, wo mir ein livreetragender Angestellter bisweilen den Gin Tonic aufgefüllt hätte.
Aber es wäre ziemlich stressig gewesen, dorthin zu kommen.
Aber es wäre ziemlich stressig gewesen, dorthin zu kommen.
Saturday, July 10, 2010
#200, Doch!
Ich hatte gänzlich verpeilt, dass L. sich für dieses Wochenende zum Besuch angemeldet hatte. L. war völlig zu Recht stinksauer.
Natürlich entschuldigte ich mich, von Herzen auch, ich wusste selbst nicht, wie das zugegangen war. L. wurde weich, als sie meine Entschuldigung hörte, sie kann Aufrichtigkeit nicht widerstehen.
Sie wisse selbst, sagte ich weiter, dass ich eigentlich nicht so vergesslich sei, dass mir so etwas normalerweise nicht passiere!
(Ich dachte dabei an meine Arbeit, wie ich ganz verantwortungsbewusst immer pünktlich dort aufkreuze, immer weiß, was ansteht, immer die Kontrolle habe, mich immer beherrsche, mir selten, wirklich höchstselten, einmal Fehler unterlaufen. Ich fühle mich manchmal so pflichtbewusst, dass ich kotzen möchte, und dass ich mir den Nobelpreis schon deshalb geben würde, weil ich jeden Tag wieder dorthin gehe.)
- Doch, antwortet mir L. prompt. Eigentlich passiert dir so was ständig.
(Und sie denkt dabei an alle Flugzeuge, die ich verpasst habe, an meine Unfähigkeit, Lesungen und Urlaubstermine zu koordinieren, an sämtliche Situationen, in denen sich Probleme mit Bürokratie, Polizei und Ordnungsliebe hätten vermeiden lassen, wenn man ein wenig vorausschauender wäre, als ich es bin.)
Ich protestiere lachend und eigentlich froh darüber, von meinen besten Freunden als dämliches Schaf eingestuft zu werden.
Natürlich entschuldigte ich mich, von Herzen auch, ich wusste selbst nicht, wie das zugegangen war. L. wurde weich, als sie meine Entschuldigung hörte, sie kann Aufrichtigkeit nicht widerstehen.
Sie wisse selbst, sagte ich weiter, dass ich eigentlich nicht so vergesslich sei, dass mir so etwas normalerweise nicht passiere!
(Ich dachte dabei an meine Arbeit, wie ich ganz verantwortungsbewusst immer pünktlich dort aufkreuze, immer weiß, was ansteht, immer die Kontrolle habe, mich immer beherrsche, mir selten, wirklich höchstselten, einmal Fehler unterlaufen. Ich fühle mich manchmal so pflichtbewusst, dass ich kotzen möchte, und dass ich mir den Nobelpreis schon deshalb geben würde, weil ich jeden Tag wieder dorthin gehe.)
- Doch, antwortet mir L. prompt. Eigentlich passiert dir so was ständig.
(Und sie denkt dabei an alle Flugzeuge, die ich verpasst habe, an meine Unfähigkeit, Lesungen und Urlaubstermine zu koordinieren, an sämtliche Situationen, in denen sich Probleme mit Bürokratie, Polizei und Ordnungsliebe hätten vermeiden lassen, wenn man ein wenig vorausschauender wäre, als ich es bin.)
Ich protestiere lachend und eigentlich froh darüber, von meinen besten Freunden als dämliches Schaf eingestuft zu werden.
Friday, July 9, 2010
#199, Die Schöpfung streicheln
Mein Bruder hat mir seine Kamera geliehen, eine analoge Canon. Sie liegt gut in der Hand, hat das richtige Gewicht und scheint nicht allzu kompliziert.
Vor kurzem habe ich damit auch Fotos gemacht.
Es war an einem Morgen, im Bett, ein Morgen mit nicht allzu viel Licht. Ich konzentrierte mich auf Details, alles möglichst nah, alles möglichst groß, zum Anfassen beinahe, so wünschte ich es mir.
Ob daraus etwas geworden ist, kann ich nicht sagen. Der Film ist erst halb voll, und wenn ich eine ernsthafte Einschätzung meiner Arbeit vornehmen wollte, müsste ich eingestehen, dass die Mehrzahl der Bilder wahrscheinlich unterbelichtet und verwackelt sein wird.
Aber darum geht es gerade auch gar nicht. Denn was mir am Fotografieren schon immer am besten gefallen hat, das ist der Moment, wenn man den Auslöser drückt. Die Idee, richtig zu sehen. Einen Teil der Realität durch die eigene Aufmerksamkeit zu adeln. In gewisser Weise: Gott zu spielen, die Schöpfung zu streicheln.
Ich bin aber nicht jeden Tag in der Stimmung, Gott sein zu wollen. Es wird noch eine Weile dauern, bis der Film voll ist.
Und bis dahin erinnere ich mich an die wundervollen Bilder, die ich eines Morgens im Bett gemacht habe.
Vor kurzem habe ich damit auch Fotos gemacht.
Es war an einem Morgen, im Bett, ein Morgen mit nicht allzu viel Licht. Ich konzentrierte mich auf Details, alles möglichst nah, alles möglichst groß, zum Anfassen beinahe, so wünschte ich es mir.
Ob daraus etwas geworden ist, kann ich nicht sagen. Der Film ist erst halb voll, und wenn ich eine ernsthafte Einschätzung meiner Arbeit vornehmen wollte, müsste ich eingestehen, dass die Mehrzahl der Bilder wahrscheinlich unterbelichtet und verwackelt sein wird.
Aber darum geht es gerade auch gar nicht. Denn was mir am Fotografieren schon immer am besten gefallen hat, das ist der Moment, wenn man den Auslöser drückt. Die Idee, richtig zu sehen. Einen Teil der Realität durch die eigene Aufmerksamkeit zu adeln. In gewisser Weise: Gott zu spielen, die Schöpfung zu streicheln.
Ich bin aber nicht jeden Tag in der Stimmung, Gott sein zu wollen. Es wird noch eine Weile dauern, bis der Film voll ist.
Und bis dahin erinnere ich mich an die wundervollen Bilder, die ich eines Morgens im Bett gemacht habe.
Thursday, July 8, 2010
#46, Horizont
Manchmal, wenn die Situation verfahren ist, finde ich mich selbst im Kreis laufend wie ein verschrecktes Huhn.
Und dann muss man sich erinnern: Daran, dass man gar kein Huhn ist. Und dass es nicht dem eigenen Charakter entspricht, im Kreis zu laufen.
Sondern immer hübsch geradeaus.
Und dann muss man sich erinnern: Daran, dass man gar kein Huhn ist. Und dass es nicht dem eigenen Charakter entspricht, im Kreis zu laufen.
Sondern immer hübsch geradeaus.
Wednesday, July 7, 2010
#195, Glückstag (03.07.2010)
Der Unterzucker treibt mich aus dem Haus, zum Supermarkt. Bis eine Stunde nach dem Spiel habe ich den Einkauf herauszögern können, und nun stehe ich auf der Strasse, geduckt, und versuche zwischen den Fahnen, hupenden Autos und aufgerissenen Mäulern hindurchzukommen. Schon gleich nach ein paar Schritten sehen mich die Nazis in der Kneipe nebenan. Einer ruft: „Aufrecht gehen, wir haben gewonnen!“ – ich lasse das Kinn fallen, schleiche schneller. Natürlich wissen sie wer ich bin, und natürlich wissen sie, dass ich nicht auf den deutschen Sieg gesetzt habe. Ich habe Glück, sie sind guter Laune und machen nur ihre Späße, lachen, tuscheln ein wenig, meinen mich, vielleicht, vielleicht nicht – und ihre Hunde bleiben im Schatten. Hätte Deutschland verloren, hätte ich nicht die Stunde warten müssen, hätte keine Fahnen erwartet, wäre aufrecht auf die Straße getreten, und die Nazis im Blick hätte ich ein stolzes Lächeln gewagt. Die Hunde hätten mich gewittert, und die Meute wäre aufgestanden, nur einer bliebe, um das Bier zu bewachen, und dann wären sie hinter mir her, ich weiß es, denn ich kenne meine Nachbarn, ihre Hunde und ihre Narben. Heute ist mein Glückstag – mehr als Spott habe ich nicht zu befürchten.
Tuesday, July 6, 2010
#95, 1/2 leer? 1/2 voll?
An meinem freien Tag habe ich viel vor.
Einen Text will ich überarbeiten, ins Freibad will ich gehen, am Nachmittag einen Freund treffen, und mal was Vernünftiges kochen wäre schön. Als ich erwache, beginne ich noch im Bett damit, einen Plan zu entwerfen und jedem Ding seine Zeit einzuräumen.
Dann aber umfasst er meinen Kopf mit seinen beiden Armen, und ich denke folgendes:
Wahrscheinlich ist das das Beste, was mir heute passieren wird.
Und noch jetzt, mehrere Tage später, bin ich nicht in der Lage, zu entscheiden, ob dieser Gedanke nun negativ war oder positiv.
Einen Text will ich überarbeiten, ins Freibad will ich gehen, am Nachmittag einen Freund treffen, und mal was Vernünftiges kochen wäre schön. Als ich erwache, beginne ich noch im Bett damit, einen Plan zu entwerfen und jedem Ding seine Zeit einzuräumen.
Dann aber umfasst er meinen Kopf mit seinen beiden Armen, und ich denke folgendes:
Wahrscheinlich ist das das Beste, was mir heute passieren wird.
Und noch jetzt, mehrere Tage später, bin ich nicht in der Lage, zu entscheiden, ob dieser Gedanke nun negativ war oder positiv.
Monday, July 5, 2010
#199, Notizen, die in Flugzeugen geschrieben werden
Die Anschnallzeichen leuchten wieder. Die Stewardess hat die Kaffeebecher schon eingesammelt, und die erste Zeitung aus der Heimat gibt nichts Neues mehr her. Ich sitze still, lausche, höre, wie Tische hochgeklappt werden und Zeitungen energischer rascheln. Ich achte auf Klett- Schnapp- und Reißverschlüsse, Knöpfe und Schnallen. Die Geräusche sind hohl und stumpf, gedämpft wie nach dem Schlaf.
Und ab und an höre ich einen Kugelschreiber klicken. Ich sehe mich um. Ganz links am anderen Fenster schreibt eine Frau. Ich sehe nach dem Grund, rechne aus, wie schnell das Flugzeug sinken muss. In zwanzig Minuten geht es zehn Kilometer bergab, jede Sekunde acht Meter, gleich einem Sturz vom Balkon des dritten Stocks. Ich krame auch nach Papier und Stift und rechne aus, wie lange ein Blumentopf braucht, der vom Balkon geworfen wird, notiere die Formel, s ist ein halbes gt Quadrat. Der Flieger sinkt schneller.
Was wird die Frau schreiben? Etwas über Wolken und Melancholie vielleicht, Gedanken zu Abflug und Ankunft, kitschiges Zeug vielleicht, über das sie morgen verlegen lächeln wird. Ich nehme mir für den nächsten Flug vor, die Zeit vor der Landung besser zu nutzen, denn ich hätte auch gerne eine Notiz gehabt, die ich morgen verwerfen kann.
Und ab und an höre ich einen Kugelschreiber klicken. Ich sehe mich um. Ganz links am anderen Fenster schreibt eine Frau. Ich sehe nach dem Grund, rechne aus, wie schnell das Flugzeug sinken muss. In zwanzig Minuten geht es zehn Kilometer bergab, jede Sekunde acht Meter, gleich einem Sturz vom Balkon des dritten Stocks. Ich krame auch nach Papier und Stift und rechne aus, wie lange ein Blumentopf braucht, der vom Balkon geworfen wird, notiere die Formel, s ist ein halbes gt Quadrat. Der Flieger sinkt schneller.
Was wird die Frau schreiben? Etwas über Wolken und Melancholie vielleicht, Gedanken zu Abflug und Ankunft, kitschiges Zeug vielleicht, über das sie morgen verlegen lächeln wird. Ich nehme mir für den nächsten Flug vor, die Zeit vor der Landung besser zu nutzen, denn ich hätte auch gerne eine Notiz gehabt, die ich morgen verwerfen kann.
Sunday, July 4, 2010
#200, Suchbild
Mein Bruder hat drei Kinder. Zwei davon kenne ich schon.
Vom Dritten hat mein Bruder gestern ein Foto geschickt. Nicht irgendein Foto, sondern das erste. E. ist zwei Tage alt.
Und weil es sich um das erste Foto vom neuen E. handelt, hat mein Bruder eine Auflösung von etwa 97 Milliarden Megapixeln gewählt.
Als ich die Datei öffne, sehe ich mich zunächst mit einer abstrakten Komposition in weiß und Punkten konfrontiert. Dann begreife ich, dass es sich um das Tuch handeln muss, in das E. eingewickelt ist. Und dass mein Bildausschnitt etwa ein Fünfzehntel des gesamten Fotos zeigt. Natürlich gibt es irgendeine Möglichkeit, das Bild im Ganzen zu sehen, aber ich bin zu ungeduldig, sie zu suchen.
Stattdessen beginne ich, mit den Navigationsleisten auf dem Bild herumzurutschen. Vom Weiß mit Punkten gelange ich zu einer Zusammenstellung aus Blümchen auf Gelb, wobei es sich vermutlich um Hemdchen oder Mützchen handelt, jedenfalls habe ich den Eindruck, auf der richtigen Fährte zu sein.
Das Gesicht! E.s Gesicht will ich sehen!
Auf der Suche nach dem neuen Neffen, das klingt wie der Titel eines Jugendromans. Und es ist auch wirklich spannend.
Vom Dritten hat mein Bruder gestern ein Foto geschickt. Nicht irgendein Foto, sondern das erste. E. ist zwei Tage alt.
Und weil es sich um das erste Foto vom neuen E. handelt, hat mein Bruder eine Auflösung von etwa 97 Milliarden Megapixeln gewählt.
Als ich die Datei öffne, sehe ich mich zunächst mit einer abstrakten Komposition in weiß und Punkten konfrontiert. Dann begreife ich, dass es sich um das Tuch handeln muss, in das E. eingewickelt ist. Und dass mein Bildausschnitt etwa ein Fünfzehntel des gesamten Fotos zeigt. Natürlich gibt es irgendeine Möglichkeit, das Bild im Ganzen zu sehen, aber ich bin zu ungeduldig, sie zu suchen.
Stattdessen beginne ich, mit den Navigationsleisten auf dem Bild herumzurutschen. Vom Weiß mit Punkten gelange ich zu einer Zusammenstellung aus Blümchen auf Gelb, wobei es sich vermutlich um Hemdchen oder Mützchen handelt, jedenfalls habe ich den Eindruck, auf der richtigen Fährte zu sein.
Das Gesicht! E.s Gesicht will ich sehen!
Auf der Suche nach dem neuen Neffen, das klingt wie der Titel eines Jugendromans. Und es ist auch wirklich spannend.
Saturday, July 3, 2010
#197, Fahrkartenkontrolle
Nie auf der Reise fühle ich mich besser betreut, als wenn der Schaffner des Nahverkehrszuges entlang der Küste den Wagon betritt. Heute kommt er in mein Abteil kurz bevor der Zug im Bahnhof hält – noch gerade kann er meine Fahrkarte ansehen – dann muss er raus und die Kelle schwenken. Der Zug fährt wieder an, vorbei an Stränden, Siedlungen, Olivenhainen, Zäunen und einem Atomkraftwerk. Ich sehe die Überwachungskameras, Lautsprecher und Scheinwerfer, die den Komplex versehren, alles in grau braunes helles Licht gestellt. Der Zug schwankt, doch der Schaffner bewegt sich elegant. Er erschrickt nicht, knickt nicht ein, weiß instinktiv, wo er sich abstützen muss. Vor mir spricht er leise mit einem Fahrgast, erklärt, dass er für den Zug, der an ein paar Bahnhöfen weniger hält, zwei Euro mehr bezahlen muss: „und der Zug ist 15 Minuten schneller in Barcelona, natürlich ist Ihr Ticket gültig, ja Sie können weiter mitfahren, nur 2 Euro extra, kein Problem“ – er bedankt sich für den Schein und wechselt. Noch einmal kommt er zu mir – ich nicke ihm freundlich zu. Er sieht auf meine Karte, sieht seinen Strich mit Kugelschreiber, erinnert sich. Und ich weiß jetzt, dass mir bis Barcelona nichts mehr passieren kann.
Friday, July 2, 2010
Thursday, July 1, 2010
#199, Palmen
Wird ein Hotel gebaut, kommen die Bagger und graben die Olivenbäume aus. Ist der Pool fertig, kommen die Palmen. Die großen Palmen sind eigentlich ortsfremde Gewächse. Sie wachsen hier zwar, aber nur, weil sie gut bewässert werden. Erst nach vielen Jahren reichen die Wurzeln bis in Erdregionen, die feucht genug sind, um sie die trockene Zeit im Sommer überstehen zu lassen. Damit rechnet hier kein Bauherr mehr. Schwarze Plastikschläuche durchziehen den Boden um Parkplätze und Pools, und abends gesellt sich zum Zirpen der Grillen das Zischen der Bewässerungsanlagen. In einigen der neuen Hotels sind die Palmen bereits braun geworden, und zu den Plastikliegen gesellen sich schon die ersten Stümpfe. In die ganz neuen Siedlungsanlagen wurden gar keine Palmen mehr gepflanzt. In den Ruinen unfertiger Hotels wächst das Unkraut. Die Kräne sind längst abgebaut.
Die dickste Palme habe ich heute entdeckt, am Weg hinter dem Hühnerstall. Sie steht inmitten von Gestrüpp vor einer alten Finka, die langsam verfällt. Wer genauer hinsieht, bemerkt, dass die Sträucher mal zu einem Garten gehörten. Ihre Anordnung verrät Sinn für eine Landschaft, und auch im freien Wildwuchs zeigt der Garten Würde. Ich klopfe und warte bis der Fernseher leiser gestellt wird. Ich darf mich setzen.
Die dickste Palme habe ich heute entdeckt, am Weg hinter dem Hühnerstall. Sie steht inmitten von Gestrüpp vor einer alten Finka, die langsam verfällt. Wer genauer hinsieht, bemerkt, dass die Sträucher mal zu einem Garten gehörten. Ihre Anordnung verrät Sinn für eine Landschaft, und auch im freien Wildwuchs zeigt der Garten Würde. Ich klopfe und warte bis der Fernseher leiser gestellt wird. Ich darf mich setzen.
Wednesday, June 30, 2010
#200, Freund und Helfer
Ich habe ein zwiespältiges Verhältnis zur Polizei, dessen Ursprung ich von offizieller Seite aus nicht nachvollziehen kann, das sich meinerseits aber unzweifelhaft auf verschiedene bizarre Anzeigen zurückführen lässt: Ich werde ständig bestraft für Dinge wie unabgeschlossene Autotüren und regelgerecht entsorgte Pizzakartons.
In Berlin kommen auf einen Polizisten 124 Einwohner. Am Samstagabend, als ich auf dem Rad den Landwehrkanal entlangfuhr, begegnete ich gleich zwei von ihnen. Wie immer, wenn mich ein Polizeiauto überholt, ging ich panisch die Checkliste durch:
War ich betrunken? Nein.
Irgendwie auffällig? Nein.
Fuhr ich auf dem Gehweg? Nein.
Telefonierte ich? Nein.
War mein Rad verkehrstauglich? Ja. Sogar das Licht war an.
Dass mich die beiden besorgten Beamten trotzdem zum Anhalten nötigten, hat mich dann nicht allzusehr überrascht. Und obwohl ich weder betrunken, noch auffällig war etc, hatte ich mich trotzdem eines Vergehens schuldig gemacht.
Ja, erklärte der Beamte, mit dem ich meine Checkliste durchging, Ihr Licht funktioniert.
Aber – (Pause) – es ist zu schwach.
Gerade wollte ich den beiden Beamten auseinandersetzen, dass sie wegen mir gerade die amtliche Hilfeleistung anderen 247 schutzbedürftigen Berliner Einwohnern gegenüber vernachlässigten, als ich mich eines Besseren besann (auch haarscharf an der Beamtenbeleidigung war ich bereits mehrmals entlanggeschrammt).
Am Ende ließ man mich laufen.
In Berlin kommen auf einen Polizisten 124 Einwohner. Am Samstagabend, als ich auf dem Rad den Landwehrkanal entlangfuhr, begegnete ich gleich zwei von ihnen. Wie immer, wenn mich ein Polizeiauto überholt, ging ich panisch die Checkliste durch:
War ich betrunken? Nein.
Irgendwie auffällig? Nein.
Fuhr ich auf dem Gehweg? Nein.
Telefonierte ich? Nein.
War mein Rad verkehrstauglich? Ja. Sogar das Licht war an.
Dass mich die beiden besorgten Beamten trotzdem zum Anhalten nötigten, hat mich dann nicht allzusehr überrascht. Und obwohl ich weder betrunken, noch auffällig war etc, hatte ich mich trotzdem eines Vergehens schuldig gemacht.
Ja, erklärte der Beamte, mit dem ich meine Checkliste durchging, Ihr Licht funktioniert.
Aber – (Pause) – es ist zu schwach.
Gerade wollte ich den beiden Beamten auseinandersetzen, dass sie wegen mir gerade die amtliche Hilfeleistung anderen 247 schutzbedürftigen Berliner Einwohnern gegenüber vernachlässigten, als ich mich eines Besseren besann (auch haarscharf an der Beamtenbeleidigung war ich bereits mehrmals entlanggeschrammt).
Am Ende ließ man mich laufen.
Tuesday, June 29, 2010
#199, Stierkampf
Ich sitze auf einer Bank oben auf den rotbraunen Klippen, unter mir liegt die sandige Badebucht. In den angrenzenden noch nicht gerodeten Olivenhainen sind Schüsse zu hören. „Das ist der Auftakt zu den Festlichkeiten zu Ehren des heiligen St Joan“ erklärte mir ein Katalane im Fischladen. Auch Stierkämpfe wird es wieder geben, wie all die Jahre zuvor auch. Viele der Fremden wissen nichts von den Eigenheiten dieser Feste. Sie halten Abstand zur einheimischen Bevölkerung, bis die unruhigen Tage vorbei sind.
Zumeist gewinnen die Stierkämpfer. „Aber manchmal auch der Stier“ beruhigt er mich. Die jungen Burschen im Ort wollen sich an ihm messen und ihre Stärke beweisen. Manchmal büxt ein Stier aus, und die Jagd gerät in den Olivenhain, manchmal sogar an die Küste, bis in das Meer hinein. Sogar bis an den Badestrand ist schon mal ein Stier geflohen, über das Geröll und um die ins Meer gestürzten Brocken der Klippen herum, oben die Villen, und als er wieder an Land kam, gab es einen Aufruhr am Strand. Die Leute griffen nach ihren Badetüchern und flüchteten zur einzigen steilen Treppe die Klippen hinauf. „Das haben wir hier alles schon gehabt“ erklärte er, nur, damit ich mir keine Sorgen mache.
Zumeist gewinnen die Stierkämpfer. „Aber manchmal auch der Stier“ beruhigt er mich. Die jungen Burschen im Ort wollen sich an ihm messen und ihre Stärke beweisen. Manchmal büxt ein Stier aus, und die Jagd gerät in den Olivenhain, manchmal sogar an die Küste, bis in das Meer hinein. Sogar bis an den Badestrand ist schon mal ein Stier geflohen, über das Geröll und um die ins Meer gestürzten Brocken der Klippen herum, oben die Villen, und als er wieder an Land kam, gab es einen Aufruhr am Strand. Die Leute griffen nach ihren Badetüchern und flüchteten zur einzigen steilen Treppe die Klippen hinauf. „Das haben wir hier alles schon gehabt“ erklärte er, nur, damit ich mir keine Sorgen mache.
Monday, June 28, 2010
#26, Stille Befriedigung über die Tatsache
Nicht zu den über 87 Prozent aller Deutschen gehört zu haben, die gestern beim Spiel Deutschland-England vor dem Fernseher saßen. Sondern etwas Besseres vorgehabt zu haben.
Sunday, June 27, 2010
#26, Haiku in Prosa
Eine Wand aus weißen Rosen, wilden.
Ihr Duft am Abend ist sanft.
Vor den Rosen: ein Tisch, darauf ein Korb mit Weißbrot.
Zwei Blütenblätter fallen ab.
Ihr Duft am Abend ist sanft.
Vor den Rosen: ein Tisch, darauf ein Korb mit Weißbrot.
Zwei Blütenblätter fallen ab.
Saturday, June 26, 2010
#196, Cyberspace
Vor gut zwanzig Jahren besuchte ich mit anderen Jugendlichen ein Forschungszentrum, um die damals angesagte künstliche Intelligenz kennenzulernen. In einer Abteilung konnte man sich eine spezielle Brille aufsetzen und durch künstliche dreidimensionale Bürokomplexe wandern.
Vor einigen Jahren kamen Bagger und Arbeiter und bauten Häuser dieser Art gleich hier im Olivenhain. Ein Komplex aus Reihenhäusern, Parkplätzen, Pools, Grünflächen, Bänken, Zäunen, Straßenlaternen, Palmen und Pollern entstand. Ein großflächiges Schild mit einem Luftbild wurde an der Zufahrtstrasse zum Ort errichtet. Die Häuser dienen als Investition, heißt es. Ein Fachmann erklärte, dass ihr Wert schneller steigt als die Zinsen das Geld mehren können – manchmal übersteigt der Wertzuwachs sogar den Zins für aufgenommene Kredite. Wer reich werden wollte, lieh sich Geld und kaufte ein Haus.
Jetzt stehen die Häuser da, alle unbewohnt. Die Siedlung gleicht einer Geisterstadt, frisch aus dem Cyberspace. Damals vor zwanzig Jahren durfte nicht jeder die Brille aufsetzen, dazu reichte die Zeit nicht. Der Büroleiter vertröstete mich und ermunterte die Gruppe, Informatik zu studieren. Jetzt, nach zwanzig Jahren, kann ich durch die Siedlung laufen, auf einer Bank sitzen, mich sonnen und die Zeitung lesen – so wie ich will. Ich bin stolz darauf, es so weit gebracht zu haben.
Vor einigen Jahren kamen Bagger und Arbeiter und bauten Häuser dieser Art gleich hier im Olivenhain. Ein Komplex aus Reihenhäusern, Parkplätzen, Pools, Grünflächen, Bänken, Zäunen, Straßenlaternen, Palmen und Pollern entstand. Ein großflächiges Schild mit einem Luftbild wurde an der Zufahrtstrasse zum Ort errichtet. Die Häuser dienen als Investition, heißt es. Ein Fachmann erklärte, dass ihr Wert schneller steigt als die Zinsen das Geld mehren können – manchmal übersteigt der Wertzuwachs sogar den Zins für aufgenommene Kredite. Wer reich werden wollte, lieh sich Geld und kaufte ein Haus.
Jetzt stehen die Häuser da, alle unbewohnt. Die Siedlung gleicht einer Geisterstadt, frisch aus dem Cyberspace. Damals vor zwanzig Jahren durfte nicht jeder die Brille aufsetzen, dazu reichte die Zeit nicht. Der Büroleiter vertröstete mich und ermunterte die Gruppe, Informatik zu studieren. Jetzt, nach zwanzig Jahren, kann ich durch die Siedlung laufen, auf einer Bank sitzen, mich sonnen und die Zeitung lesen – so wie ich will. Ich bin stolz darauf, es so weit gebracht zu haben.
Friday, June 25, 2010
#170, Personen, Bildchen
Heute war ich auf einem Nachmittagsempfang mit lauter Leuten, die fast 10 Jahre jünger waren als ich. Alle hatten sie weiße Zähne, alle waren polite und ich war die einzige Raucherin, schließlich weiß man, dass Rauchen die Haut vorzeitig altern lässt.
Niemand hat über Politik geredet, es geht ja allen ausgesprochen gut, man ist durchaus mit sich selbst beschäftigt und hat damit auch genug zu tun.
Meine Freunde dagegen: Das geniale Arschloch R. mit seinen psychotischen Momenten. Oder L., die ihre riesigen Bilder zu Patti Smith auf dem Parkettfußboden gemalt hat. M., mit der ich bei mir zu Hause Akte von denselben Typen gemalt habe, wenn wir nicht damit beschäftigt waren, uns zu betrinken. H., die sich mit kochendem Teewasser zu verteidigen wusste. S., der schönste Mann Deutschlands, der vor allem unter Terminschwierigkeiten leidet. Und die Anderen, jeder für sich eine bizarre Schönheit.
Wir alle werden bürgerlich, das ist wahr. Aber immerhin, immerhin: Jeder hat seinen eigenen Kopf. Und niemand von ihnen war jemals ein erfolgreiches H&M-Abziehbildchen.
Niemand hat über Politik geredet, es geht ja allen ausgesprochen gut, man ist durchaus mit sich selbst beschäftigt und hat damit auch genug zu tun.
Meine Freunde dagegen: Das geniale Arschloch R. mit seinen psychotischen Momenten. Oder L., die ihre riesigen Bilder zu Patti Smith auf dem Parkettfußboden gemalt hat. M., mit der ich bei mir zu Hause Akte von denselben Typen gemalt habe, wenn wir nicht damit beschäftigt waren, uns zu betrinken. H., die sich mit kochendem Teewasser zu verteidigen wusste. S., der schönste Mann Deutschlands, der vor allem unter Terminschwierigkeiten leidet. Und die Anderen, jeder für sich eine bizarre Schönheit.
Wir alle werden bürgerlich, das ist wahr. Aber immerhin, immerhin: Jeder hat seinen eigenen Kopf. Und niemand von ihnen war jemals ein erfolgreiches H&M-Abziehbildchen.
Thursday, June 24, 2010
#29, Frohsinn
Ich stehe barfuß in der Küche und bereite uns einen Melonenshake vor. Ich versaue so ziemlich jede horizontale Fläche und singe dazu einige Takte Blitzkrieg Bob von den Ramones.
Wednesday, June 23, 2010
#197, Schwarz Rot Gold, nie gewollt
Die Deutschland-WM habe ich verpasst, 2006 lebte ich noch im Ausland. Wenn die Leute mir Unglaubliches aus diesem Sommer erzählen, muss ich es glauben. Auch so sind die Unterschiede augenscheinlich. Als ich zurückkam, galt die Deutschlandfahne auf Balkon oder Auto plötzlich nicht mehr als Fauxpas. Auch zwei davon gehen in Ordnung.
Die Deutschland-WM habe ich verpasst, ich bin immer noch weit davon entfernt, ein „entspannter Patriot“ zu sein, wie die Feuilletons nicht müde werden, uns seither zu betiteln: Ein Haus, in Deutschlandfahnen gewickelt, erfüllt mich noch immer mit Unbehagen.
Der Grund dafür muss nicht unbedingt mit Dummheit und Gröhlerei zu tun haben, er kann auch einfach ästhetischen Ursprungs sein:
Die deutsche Fahne ist nämlich stinkhässlich.
Meine feinsinnige Freundin M. gibt mir Recht: Stell dir vor, wir hätten eine fröhliche Flagge, sagt sie. Am Telefon entwickeln wir den Plan, die Heimat zu verschönern. Es ginge ganz einfach.
Anstatt Vaterland-Blut-Glorie, anstatt der dicken Streifen, Ordnungssinn-Beständigkeit, wollte ich eine Flagge, deren Muster hüpft, wenn der Wind hineinfährt. Sich mit dem Auge kaum fassen lässt. Eine Fahne, die Frohsinn vermittelt und Mut und meinetwegen auch Feuerwerk. Die würde ich auch selbst auf den Reichstag stecken, in den hohen Himmel über Berlin.
Tuesday, June 22, 2010
#184, Nachspülen
Einen Geschirrspüler, erkläre ich gerne nachsichtig meinen um meine Freizeit besorgten Freunden, brauche ich nun wirklich nicht. Womit ich Recht habe, denn ich besitze nur fünf Teller, und um den Gebrauch eines Geschirrspülers zu rechtfertigen, müsste ich mir erst noch ein mindestens zwanzigteiliges Service zulegen. Was ich für einen Einpersonenhaushalt schlicht übertrieben finde.
Trotzdem freut sich mein bürgerliches Herz immer wieder, wenn ich bei Freunden eingeladen bin, die einen Geschirrspüler besitzen – wenigstens muss ich mir da keine Gedanken um ihren Abwasch machen.
Was die Freunde mit ihrem Geschirrspüler dagegen verpassen, sind die zehn Minuten am Tag nach dem Abendessen. Während wir die Vorspeise essen, macht L. einen Witz, über den ich am Spülbecken noch einmal grinsen muss. Während ich die Kartoffeln auflege, diskutieren wir darüber, ob ein selbstbestimmtes Leben möglich ist, ich sage nein, und am nächsten Tag fällt mir über den schmutzigen Tellern auch endlich das schlagende Argument für meinen Standpunkt ein. Die Weingläser nehmen wir mit ins Wohnzimmer, und während ich sie zusammensuche, stecke ich mir die letzte übriggebliebene Kirsche in den Mund und schmecke die Süße des Abends, gestern und heute.
Monday, June 21, 2010
#197, Die Spatzen fressen die Mäusegerste
Früher hat sie das alles mal gelernt, erzählt sie, um es den Kindern beizubringen, aber über die Jahre wurde das Wissen aus den Lehrplänen gestrichen. „Das steht jetzt alles im Internet“ hat man ihr gesagt – das war vor 10 Jahren. Am Zaun wachsen Geranien, groß wie Buchsbäume. „Hier das hier, das ist Mäusegerste“, erklärt sie, „die Spatzen kommen und fressen die Körner“. Und das hier ist falscher Pfeffer – er sieht aus wie echter Pfeffer, nur ist er ungenießbar. Dafür ist die Pflanze schöner. Häufig ist es so, dass Pflanzen, die nur im Namen einen Nutzen erwarten lassen, eine besondere Schönheit zeigen. Die Natur ist wunderbar, deswegen haben die Könige Gärten um ihre Schlösser. Ich berühre einen Busch, dessen Blätter mir bekannt vorkommen und erwarte eine Reaktion. Die Blätter schlossen sich nicht. Mimosen, erinnerte ich mich und wunderte mich. Drei Sorten zeigte sie mir, alles Mimosen, die in Wahrheit Akazien sind und nur Mimosen genannt werden. Nur die echte Mimose ist empfindlich. Man muss die Pflanzen gezeigt bekommen und gesehen haben, um sie zu erkennen, sagt sie, sonst nützt alles Wissen nichts. Die Mäusegerste wächst noch, doch die Spatzen sind schon da, gleich im Nachbarbusch und warten vergnügt.
Sunday, June 20, 2010
#193, Spaziergänger
Die Nachbarn in den Villen lieben kleine giftige Hunde, Kläffer, die nach Herzenslust ihr Revier verteidigen und ihren Halter beschützen. Ein Profi erklärte mir: „Je feiger der Halter, desto lauter ist der Hund“ – davon scheint hier niemand etwas wissen zu wollen. Die Halter kümmern sich nicht um das Gekläff ihrer Hunde – sie schieben ihren Bauch gelassen durch den Garten und schauen bedächtig auf die hässlichen Plastiklatschen, die klatschend auf den gefliesten Wegen zwischen Pool und Palmen den Ton angeben. Ein Spaziergänger, der den Blick abwendet, ist für den Hund ein Zeichen zum Angriff. Längst weiß ich, in welcher Villa welcher Hund wohnt, und wie dicht man dem Zaun kommen darf, um noch ignoriert zu werden. Wenn ich am späten Nachmittag, im Abklang der Hitze, auf der Terrasse sitze und den letzten Kaffee des Tages trinke, verfolge ich das Gebell in der Nachbarschaft. Im Geiste verfolge ich die Route des Spaziergängers. Ich höre den Hund links an der Ecke, zähle bis 50 und höre den Hund vom Haus mit Pool und der einen braunen Palme. Selten habe ich mich so sicher gefühlt wie hier, denn dank meiner Nachbarn weiß ich immer, was grade passiert.
Saturday, June 19, 2010
#194, Wind und Meer
Einmal, später, möchte ich mit meinem Kind am Strand stehen und seufzen. Noch fehlt das Kind, der Strand ist schon da. Ich vermeide es, zu lange dort zu stehen und im Rauschen der Brandung meine Unruhe und Ungeduld zu verwirren.
Hinter mir liegen die Pärchen, auf dem Bauch und auf dem Rücken. Ein paar Männer werfen Bälle und allerlei anderes Spielzeug über ihre Körper. Manchmal treffen sie jemanden. Der Getroffene hebt den Kopf, sieht sich um und dreht sich vom Rücken auf den Bauch. Vor mir stehen die Alten, die Knie knapp im Wasser, unterhalten sich, blinzeln je nach Stand der Sonne, und genießen den kühlen Wind, den das Meer an Land und immer nur dorthin trägt – ganz gleich wie die hohen Wolken ziehen.
Ich achte auf meine Füße, denn der Saum der Brandung ist in Bewegung. Die eine Welle kommt weit und schießt im letzte Moment bis an die Zehen heran, die nächste bleibt wider Erwarten zögerlich oder verkrümelt sich im Schaum ihres zurückfließenden Vorgängers. Ich fühle mich beobachtet, ein scheuer Mann am Meer macht misstrauisch. Ich drehe mich um, und den Wind jetzt im Rücken entschließe ich mich, morgen wieder zu kommen.
Hinter mir liegen die Pärchen, auf dem Bauch und auf dem Rücken. Ein paar Männer werfen Bälle und allerlei anderes Spielzeug über ihre Körper. Manchmal treffen sie jemanden. Der Getroffene hebt den Kopf, sieht sich um und dreht sich vom Rücken auf den Bauch. Vor mir stehen die Alten, die Knie knapp im Wasser, unterhalten sich, blinzeln je nach Stand der Sonne, und genießen den kühlen Wind, den das Meer an Land und immer nur dorthin trägt – ganz gleich wie die hohen Wolken ziehen.
Ich achte auf meine Füße, denn der Saum der Brandung ist in Bewegung. Die eine Welle kommt weit und schießt im letzte Moment bis an die Zehen heran, die nächste bleibt wider Erwarten zögerlich oder verkrümelt sich im Schaum ihres zurückfließenden Vorgängers. Ich fühle mich beobachtet, ein scheuer Mann am Meer macht misstrauisch. Ich drehe mich um, und den Wind jetzt im Rücken entschließe ich mich, morgen wieder zu kommen.
Friday, June 18, 2010
#200, WM-Zehen
Um es kurz zu machen: Fußball ist mir gleichgültig. Was mir dagegen nicht gleichgültig ist, ist die Fußballwette, die ich mit meinem Bruder laufen habe, schließlich habe ich fünf Euro gesetzt.
Das Spiel heute, Deutschland-Serbien, konnte ich nicht sehen, weil ich noch arbeitete. Gehört allerdings habe ich es, oder zumindest hörte ich das Publikum im Straßencafé unten dreimal laut werden. Einer der Schreie ließ sich eindeutig als Laut der Enttäuschung identifizieren, ein Tor für Serbien. Die beiden anderen blieben unklassifizierbar, ich wusste nicht, wie man in Mitte ein deutsches Tor feiert. In Neukölln hätte ich das Ergebnis zweifelsfrei erhören können, aber vielleicht, dachte ich, jubelt man in Mitte verhaltener.
Nach Feierabend hätte ich fragen können, etwa einen der drei Jungs, die mit Deutschlandshirts und undurchschaubaren Gesichtern auf die Metro warteten. Aber ich wollte das Ergebnis erraten, erlauschen, erschließen, auch ich habe sportlichen Ehrgeiz.
Also musste ich warten, bis die Frau mit den schwarz-rot-gold-lackierten Zehennägeln ans Telefon ging. Noch während sie die Frage ihres Gesprächspartners „Das Spiel?“ wiederholte, gaben mir ihre Zehen, die sich ein ganz klein wenig verkrampften, die Antwort.
Und da war ich plötzlich stolz, irgendwie, auf diese drei Jungs vom Bahnsteig, die eine Niederlage mit Haltung ertragen konnten.
Thursday, June 17, 2010
#65, Wachsen!
Am Görlitzer Park entlang, auch an der Holzmarktstraße, da ist der Fahrradweg aufgeworfen von den Wurzeln der Bäume, die von unten kleine, langgezogene Dünen in den Asphalt drücken.
Das erinnert an die Adern auf den Händen der Alten, sagte ich einmal, aber das Bild ist falsch, denn tatsächlich geht es hier um Vitalität, um Kraft und um den ungebremsten Willen, einfach immer weiter zu wachsen.
Das erinnert an die Adern auf den Händen der Alten, sagte ich einmal, aber das Bild ist falsch, denn tatsächlich geht es hier um Vitalität, um Kraft und um den ungebremsten Willen, einfach immer weiter zu wachsen.
Wednesday, June 16, 2010
#180, Voll sein
Der menschliche Körper ist Fleisch, Blut, Knochen, ist organisch und ein Wunderwerk.
Ich weiß das. Ich schätze und achte ihn, meinen Körper, manchmal staune ich auch über ihn.
Natürlich, die Schmerzen. Etwas funktioniert nicht, wie es soll. Die Haare fallen aus.
Und dann, über das Körperliche hinaus, wenn er hohl klingt.
Wenn der Körper aufhört, Fleisch, Blut, Knochen, organisch und ein Wunderwerk zu sein. Wenn es nachhallt in ihm und ich mein eigenes Echo höre. Alles hindurch fällt, was ich hineinstecke. Dann fürchte ich ihn.
Heute hingegen: Fülle. Das Gefühl, von innen heraus ein Ganzes zu sein, nicht schwer, sondern aus einem Stück. Auch dies abseits jeder Körperlichkeit, denn dieses Gefühl machte nicht halt an den Grenzen meines Körpers, schreckte nicht an der Hülle zurück, sondern erstreckte sich noch ein ganzes Stück darüber hinaus.
Ich stelle mir vor, auch eine Medusa kann nicht genau bestimmen, wo der eigene Körper schließt und das Element anstößt. So vielleicht.
Ich dagegen hatte ein Gespräch in der Sonne.
Der Zweifel: Vielleicht waren auch das am Ende nur die Hormone. Der Körper ist ein Wunderwerk.
Ich weiß das. Ich schätze und achte ihn, meinen Körper, manchmal staune ich auch über ihn.
Natürlich, die Schmerzen. Etwas funktioniert nicht, wie es soll. Die Haare fallen aus.
Und dann, über das Körperliche hinaus, wenn er hohl klingt.
Wenn der Körper aufhört, Fleisch, Blut, Knochen, organisch und ein Wunderwerk zu sein. Wenn es nachhallt in ihm und ich mein eigenes Echo höre. Alles hindurch fällt, was ich hineinstecke. Dann fürchte ich ihn.
Heute hingegen: Fülle. Das Gefühl, von innen heraus ein Ganzes zu sein, nicht schwer, sondern aus einem Stück. Auch dies abseits jeder Körperlichkeit, denn dieses Gefühl machte nicht halt an den Grenzen meines Körpers, schreckte nicht an der Hülle zurück, sondern erstreckte sich noch ein ganzes Stück darüber hinaus.
Ich stelle mir vor, auch eine Medusa kann nicht genau bestimmen, wo der eigene Körper schließt und das Element anstößt. So vielleicht.
Ich dagegen hatte ein Gespräch in der Sonne.
Der Zweifel: Vielleicht waren auch das am Ende nur die Hormone. Der Körper ist ein Wunderwerk.
Tuesday, June 15, 2010
#199, Spießer aus der Jugendzeit
Um das Fischerdorf herum sitzen die Villen in den Olivenhainen, einige entlang der Küste, einige im hügeligen Hinterland. In den Villen wohnen Schweizer, Deutsche und Engländer. Viele kamen nach Franco – und blieben, so wie sie waren.
In Argentinien soll es Dörfer geben, die über hundert Jahre alte regionale deutsche Gebräuche und Dialekte pflegen. Hier pflegen die Nachbarn die über zwanzig Jahre alten Sitten meiner Kindheit. Ich erkenne steife Tischmanieren, spaßige Komplimente an die Dame des Hauses, mit starker Hand begleitete Allgemeinplätze, Gesten zweifelhafter Hilfsbereitschaft und deftige Bekenntnisse zu deutschem Wein und Bier und zu deutscher Gemütlichkeit. Ich sehe ihre Blicke scharf wandern, wenn der Anstand, den sie noch leben, berührt wird.
Sie kennen die Treffpunkte der Gegend. Manchmal, wenn ein Fremder am Tisch sitzt, sprechen sie spanisch und sind stolz auf ein paar Brocken in zwanzig Jahren. Um sie herum wird längst katalanisch gesprochen. Man ist sich einig: das geht zu weit.
Im Schrank hier steht das ausgemusterte Geschirr, das den Frühstückstisch vor dem Schulbus zierte. Erstaunt greife ich wie gewohnt nach einer fast vergessenen Tasse. Tags drauf kaufe ich Milch, Kakao und Cornflakes. Die katalanische Kassiererin mustert mich, wiederholt den Betrag auf dem Display auf spanisch – ganz langsam.
In Argentinien soll es Dörfer geben, die über hundert Jahre alte regionale deutsche Gebräuche und Dialekte pflegen. Hier pflegen die Nachbarn die über zwanzig Jahre alten Sitten meiner Kindheit. Ich erkenne steife Tischmanieren, spaßige Komplimente an die Dame des Hauses, mit starker Hand begleitete Allgemeinplätze, Gesten zweifelhafter Hilfsbereitschaft und deftige Bekenntnisse zu deutschem Wein und Bier und zu deutscher Gemütlichkeit. Ich sehe ihre Blicke scharf wandern, wenn der Anstand, den sie noch leben, berührt wird.
Sie kennen die Treffpunkte der Gegend. Manchmal, wenn ein Fremder am Tisch sitzt, sprechen sie spanisch und sind stolz auf ein paar Brocken in zwanzig Jahren. Um sie herum wird längst katalanisch gesprochen. Man ist sich einig: das geht zu weit.
Im Schrank hier steht das ausgemusterte Geschirr, das den Frühstückstisch vor dem Schulbus zierte. Erstaunt greife ich wie gewohnt nach einer fast vergessenen Tasse. Tags drauf kaufe ich Milch, Kakao und Cornflakes. Die katalanische Kassiererin mustert mich, wiederholt den Betrag auf dem Display auf spanisch – ganz langsam.
Monday, June 14, 2010
#159, Gemütliches Babel
Das Schöne an Fremdsprachen: Man spricht eine Fremdsprache.
Das Dumme an Fremdsprachen: Man spricht eine Fremdsprache.
Sich verständlich zu machen, sich zu erklären mit anderen Worten, das ist ein Vergnügen, das spontan umschlagen kann in die Schererei, ungenügende Synonyme anführen zu müssen, weil die exakte Umschreibung fehlt.
Manchmal geschieht das von einem Satz zum nächsten, manchmal über Jahre hinweg.
Am Wochenende saß ich mit drei Leuten am Tisch, die untereinander schon lange befreundet sind.
Re, die aus Lateinamerika kommt, spricht Spanisch mit Ri, der Italiener ist. Er antwortet ihr deshalb auf Italienisch, für ihn ist es einfacher, und auch mit Lu, der ebenfalls Italiener ist, kommuniziert er in der Muttersprache. Lu hingegen spricht Spanisch mit Re, weil er sich daran gewöhnt hat.
Aus Zufall spreche ich beide Sprachen, sodass mir das Verstehen keine Schwierigkeiten bereitet. Aber selbst sprechen, das kann ich diesmal auf Deutsch, weil mich, was selten ist, auch alle Anderen problemlos verstehen.
Der Gipfel der multilingualen Behaglichkeit.
Das Dumme an Fremdsprachen: Man spricht eine Fremdsprache.
Sich verständlich zu machen, sich zu erklären mit anderen Worten, das ist ein Vergnügen, das spontan umschlagen kann in die Schererei, ungenügende Synonyme anführen zu müssen, weil die exakte Umschreibung fehlt.
Manchmal geschieht das von einem Satz zum nächsten, manchmal über Jahre hinweg.
Am Wochenende saß ich mit drei Leuten am Tisch, die untereinander schon lange befreundet sind.
Re, die aus Lateinamerika kommt, spricht Spanisch mit Ri, der Italiener ist. Er antwortet ihr deshalb auf Italienisch, für ihn ist es einfacher, und auch mit Lu, der ebenfalls Italiener ist, kommuniziert er in der Muttersprache. Lu hingegen spricht Spanisch mit Re, weil er sich daran gewöhnt hat.
Aus Zufall spreche ich beide Sprachen, sodass mir das Verstehen keine Schwierigkeiten bereitet. Aber selbst sprechen, das kann ich diesmal auf Deutsch, weil mich, was selten ist, auch alle Anderen problemlos verstehen.
Der Gipfel der multilingualen Behaglichkeit.
Sunday, June 13, 2010
#199, Der Herr der Hähne
Jeden Tag um vier kommt der alte Mann und füttert seine Hühnerschar. Früher sammelte er noch die Eier, die wild verstreut auf dem Grundstück lagen. Er kannte die Lieblingslegeplätze der Hühner. Mit den Jahren beschränkte er sich darauf, auf seinem Klappstuhl zu sitzen und zu wachen. Die Hühner wurden weniger, die Hähne immer mehr, und nun, nach über 30 Jahren Wache, hat er nur noch eine Hand voll Hühner. Der Rest sind Hähne, die krähen, was das Zeug hält.
Er sagt, die Hühner werden geklaut, die Hähne nicht. Sie sind zu zäh um gegessen zu werden, auch wenn man sie stundenlang kocht. Früher wurden auch die Eier geklaut – das ließ nach, als das Gerücht umging, er hätte einige Eier mit Sprengstoff präpariert. Seitdem hat er viel Nachwuchs in der Schar. Und noch viel früher, als junger Mann, kämpfte er im Bürgerkrieg, auf der richtigen Seite.
Die Hähne sind laut. Die reichen Villenbesitzer in der Nachbarschaft fluchen und hoffen, dass er bald zu alt ist, um sie zu versorgen. Immer wieder mal kam einer angeschlichen und wollte ein Angebot machen. Ich sitze auf der Terrasse nebenan und lausche den Verhandlungen. Ich bin stolz auf meinen Nachbarn. Dem Kerl kann keiner.
Er sagt, die Hühner werden geklaut, die Hähne nicht. Sie sind zu zäh um gegessen zu werden, auch wenn man sie stundenlang kocht. Früher wurden auch die Eier geklaut – das ließ nach, als das Gerücht umging, er hätte einige Eier mit Sprengstoff präpariert. Seitdem hat er viel Nachwuchs in der Schar. Und noch viel früher, als junger Mann, kämpfte er im Bürgerkrieg, auf der richtigen Seite.
Die Hähne sind laut. Die reichen Villenbesitzer in der Nachbarschaft fluchen und hoffen, dass er bald zu alt ist, um sie zu versorgen. Immer wieder mal kam einer angeschlichen und wollte ein Angebot machen. Ich sitze auf der Terrasse nebenan und lausche den Verhandlungen. Ich bin stolz auf meinen Nachbarn. Dem Kerl kann keiner.
Saturday, June 12, 2010
#69, Glück und Gewicht
„Sie haben nichts zu verlieren außer Gewicht“ sagt die dürre Frau im Fernsehen. Und „Sie können glücklicher sein, wenn sie schlank sind!“
Ich habe nichts zu verlieren – das Gewicht, das ich habe, brauche ich noch. Allerdings will auch ich glücklicher sein. Ich überlege, zuzunehmen, um abnehmen zu können und gehe den Einkaufszettel für morgen durch. Die ersten vier Raten wären geschenkt, wenn ich noch heute bestelle.
Ich habe nichts zu verlieren – das Gewicht, das ich habe, brauche ich noch. Allerdings will auch ich glücklicher sein. Ich überlege, zuzunehmen, um abnehmen zu können und gehe den Einkaufszettel für morgen durch. Die ersten vier Raten wären geschenkt, wenn ich noch heute bestelle.
Friday, June 11, 2010
#200, Berlin ist Noril'sk ist Barcelona ist Berlin
Diese Stadt hält einen zum Narren.
Zuerst gaukelt sie dir ungefähr 8 Monate lang vor, du wärst gar nicht in Mitteleuropa, gar nicht in gemäßigten Klimaregionen, sondern befändest dich stattdessen in der weiten sibirischen Steppe, in Noril'sk etwa, am idyllischen Flüsschen Enisej, wo die Höchsttemperatur auch am 12. Juni noch bei 7 Grad liegt.
Das gefällt dir nicht, schließlich weißt du ganz sicher, dass du dich nicht in Noril'sk, sondern in Berlin befindest, seit langem schon, und du pochst auf die gemäßigten Klimaregionen und auf den Standort Mitteleuropa.
Also gibt sie irgendwann nach, die Stadt. Sie macht Sommer. Dann loben alle die Stadt, streicheln sie und stellen Kerzen vor ihre Restaurants: So ist's brav.
Damit aber nicht genug. Berlin macht nicht einfach einen mitteleuropäischen Mäßigsommer. Sie hat sich stattdessen genau angesehen, wie die anderen Städte das machen: Und deshalb sind wir gestern noch um Mitternacht barfuß auf einem Spielplatz gesessen, mit einer Luftfeuchtigkeit, die ich kenne, zum Beispiel aus Venedig oder Barcelona. Eine Luftfeuchtigkeit, die man spürt auf Haut und Haaren.
Und wüsste man nicht ganz genau, dass man noch immer in Berlin sich befindet, man würde den Vorschlag machen: Komm, gehen wir zum Strand, wir wollen der Brandung zuhören.
Zuerst gaukelt sie dir ungefähr 8 Monate lang vor, du wärst gar nicht in Mitteleuropa, gar nicht in gemäßigten Klimaregionen, sondern befändest dich stattdessen in der weiten sibirischen Steppe, in Noril'sk etwa, am idyllischen Flüsschen Enisej, wo die Höchsttemperatur auch am 12. Juni noch bei 7 Grad liegt.
Das gefällt dir nicht, schließlich weißt du ganz sicher, dass du dich nicht in Noril'sk, sondern in Berlin befindest, seit langem schon, und du pochst auf die gemäßigten Klimaregionen und auf den Standort Mitteleuropa.
Also gibt sie irgendwann nach, die Stadt. Sie macht Sommer. Dann loben alle die Stadt, streicheln sie und stellen Kerzen vor ihre Restaurants: So ist's brav.
Damit aber nicht genug. Berlin macht nicht einfach einen mitteleuropäischen Mäßigsommer. Sie hat sich stattdessen genau angesehen, wie die anderen Städte das machen: Und deshalb sind wir gestern noch um Mitternacht barfuß auf einem Spielplatz gesessen, mit einer Luftfeuchtigkeit, die ich kenne, zum Beispiel aus Venedig oder Barcelona. Eine Luftfeuchtigkeit, die man spürt auf Haut und Haaren.
Und wüsste man nicht ganz genau, dass man noch immer in Berlin sich befindet, man würde den Vorschlag machen: Komm, gehen wir zum Strand, wir wollen der Brandung zuhören.
Thursday, June 10, 2010
#190, Flugs nach China
Neben mir sitzt einer dieser Typen, die ihr Leben auf Flughäfen verbringen müssen. Er blickt in den Laptop und notiert Zahlen auf einem Zettel. Eine junge Frau, die dieses Schicksal bald mit ihm teilen könnte, setzt sich zwischen uns. Er telefoniert, erklärt Verspätungen, sagt einen Termin in Barcelona ab. Das Leadershipmeeting in China drückt auf den Zeitplan. Ich sehe nach dem Infoscreen, die Frau mit der sauberen Blues kramt in ihrem Businessgepäck.
Sein Englisch hatte einen charakterlosen internationalen Businessakzent, der weltweit verstanden wird und seine Herkunft verschleiert. Vielleicht ist er auf der Durchreise, vielleicht kommt er aus Bayern, aus Holland oder aus der Schweiz. Der Infoscreen wiederholt kitschig dick auftragende Kunstkurzfilme. Ich langweile mich, lasse den Blick schweifen. Die Frau findet einen Apfel, steht auf und wandert durch die Halle.
Der Flug wird aufgerufen. Mein Nachbar ignorierte die Schlange und stellte sich gleich neben den ersten – Augen zu, Kopf in die Luft. Keiner wunderte sich, er kennt das. Er verschwand aus dem Blick, bevor jemand seinem Ärger Luft machen kann. Im Flugzeug ist er nicht mehr zu finden. Ich habe Glück, der Fensterplatz neben mir bleibt frei.
Sein Englisch hatte einen charakterlosen internationalen Businessakzent, der weltweit verstanden wird und seine Herkunft verschleiert. Vielleicht ist er auf der Durchreise, vielleicht kommt er aus Bayern, aus Holland oder aus der Schweiz. Der Infoscreen wiederholt kitschig dick auftragende Kunstkurzfilme. Ich langweile mich, lasse den Blick schweifen. Die Frau findet einen Apfel, steht auf und wandert durch die Halle.
Der Flug wird aufgerufen. Mein Nachbar ignorierte die Schlange und stellte sich gleich neben den ersten – Augen zu, Kopf in die Luft. Keiner wunderte sich, er kennt das. Er verschwand aus dem Blick, bevor jemand seinem Ärger Luft machen kann. Im Flugzeug ist er nicht mehr zu finden. Ich habe Glück, der Fensterplatz neben mir bleibt frei.
Wednesday, June 9, 2010
#171, Frauen und Technik
Betriebssysteme haben die Eigenheit, sich fortzuentwickeln. Bestimmte Vorgänge waren bei Windows 95 möglich, bei 98 nicht mehr, bei der 2000er Version hat man sie unter anderem Namen wiedergefunden, bei XP nicht mehr gebraucht und spätestens mit Vista hat man sowieso alles vergessen, weil man ohnehin seit Jahren auf etwas ganz Anderes umgestiegen ist.
Ich laufe derzeit auf A. 5.0. Bestimmte Funktionen sind seit dem ersten Backup nicht mehr möglich, andere wurden derart hochspezialisiert, dass sie für den normalen User nicht mehr verständlich sind, viele sind einfach Firlefanz, den man für den täglichen Bedarf nicht braucht.
Fl. dagegen waren Neuinstallationen schon immer egal, solange etwas funktioniert, sieht er keinen Grund dazu, es gegen etwas Anderes einzutauschen. Er ist sozusagen ein eher konservativer Neuinstallierer, dafür aber ein fleißiger Backuper.
Wenn wir uns synchronisieren, merke ich, wie meine Kiste bei seiner uralten A.1.0-Version ein bisschen zicken will. Aber dank jahrelanger Übung bedient er die Schaltflächen souverän, und da entspannt sich mein Betriebssystem, schaltet ein paar Gänge zurück und meldet:
Okay, okay, ich hab’s gleich!
Ich laufe derzeit auf A. 5.0. Bestimmte Funktionen sind seit dem ersten Backup nicht mehr möglich, andere wurden derart hochspezialisiert, dass sie für den normalen User nicht mehr verständlich sind, viele sind einfach Firlefanz, den man für den täglichen Bedarf nicht braucht.
Fl. dagegen waren Neuinstallationen schon immer egal, solange etwas funktioniert, sieht er keinen Grund dazu, es gegen etwas Anderes einzutauschen. Er ist sozusagen ein eher konservativer Neuinstallierer, dafür aber ein fleißiger Backuper.
Wenn wir uns synchronisieren, merke ich, wie meine Kiste bei seiner uralten A.1.0-Version ein bisschen zicken will. Aber dank jahrelanger Übung bedient er die Schaltflächen souverän, und da entspannt sich mein Betriebssystem, schaltet ein paar Gänge zurück und meldet:
Okay, okay, ich hab’s gleich!
Tuesday, June 8, 2010
Monday, June 7, 2010
#89, Glückliche Zellen
Ich habe Durst. Ich komme von der Straße und ich habe einen infernalischen Durst. Seit Stunden. Ich öffne die Tür, lasse im Gehen Tasche und Schlüssel fallen, ich gehe direkt zum Wasserhahn.
Das Glas Wasser setze ich an die Lippen, und während ich schlucke, spüre ich, wie jede einzelne vertrocknete Zelle in meinem Körper einen kleinen Hüpfer tut. Vor Freude.
Sie werfen die kleinen Ärmchen in die Luft, springen von einem Fuß auf den anderen, sie versammeln sich auf dem Dorfplatz und jubeln gemeinsam in den Himmel.
Das Glas Wasser setze ich an die Lippen, und während ich schlucke, spüre ich, wie jede einzelne vertrocknete Zelle in meinem Körper einen kleinen Hüpfer tut. Vor Freude.
Sie werfen die kleinen Ärmchen in die Luft, springen von einem Fuß auf den anderen, sie versammeln sich auf dem Dorfplatz und jubeln gemeinsam in den Himmel.
Sunday, June 6, 2010
#138, Sich freuen auf
Natürlich gibt es das Konzept der Vorfreude in allen Kulturen. Ein Wort dafür gibt es in den meisten dagegen nicht. Will ich es erklären, muss ich Diagramme zeichnen, in denen ich gewissenhaft das Heute eintrage und ein Ereignis in der Zukunft, dazu male ich Pfeile.
Seit kurzem benutze ich auch ein Gedicht aus dem 19. Jahrhundert zur Erläuterung, il sabato del villaggio von Giacomo Leopardi, in dem sich ein ganzes Dorf auf den arbeitsfreien Sonntag vorbereitet.
Heute ist Sonntag, und ich versuche still zu sein, weil die Freunde noch schlafen. Gestern waren wir lange aus, auch für heute haben wir Pläne. Keine organisierten Pläne, eher verschiedene Plan-Alternativen, die Entscheidung muss erst noch getroffen werden.
In der Küche duftet es nach Kaffee, draußen ist es nicht kalt und dann geht die Tür auf und die Freunde entdecken den Frühstückstisch.
Seit kurzem benutze ich auch ein Gedicht aus dem 19. Jahrhundert zur Erläuterung, il sabato del villaggio von Giacomo Leopardi, in dem sich ein ganzes Dorf auf den arbeitsfreien Sonntag vorbereitet.
Heute ist Sonntag, und ich versuche still zu sein, weil die Freunde noch schlafen. Gestern waren wir lange aus, auch für heute haben wir Pläne. Keine organisierten Pläne, eher verschiedene Plan-Alternativen, die Entscheidung muss erst noch getroffen werden.
In der Küche duftet es nach Kaffee, draußen ist es nicht kalt und dann geht die Tür auf und die Freunde entdecken den Frühstückstisch.
Saturday, June 5, 2010
#150, Fundstück I: [Manuskriptseite 10], maschinenbeschriftet und gefunden in einem Buch aus der Stabi
"[...]
Ein langer Abendschatten fällt auf das Mädel hernieder, es blickt auf und vor ihm steht der Pfarrer von Wildalpen.
Der Pfarrer blickt Maria in die Augen, sieht, was für ein hübsches, junges, starkes Ding sie ist, fragt sie nach dem Woher und Wohin --- und bekommt eine Idee.
Er nimmt sie mit sich ins Haus.
„Man muss den Leuten das Gute möglichst leicht machen“, sagt der Pfarrer.
„Darum meine ich: Du bist die rechte Fahnenträgerin!“
Das ist eine feine Berechnung: Mit der jungen, hübschen Fahnenträgerin werden auch die störrischsten, jungen Buben an der Prozession teilnehmen, und nicht immer bloss die alten Weiber!
Maria ist entsetzt: „Ich bin nur ein einfältiges Mädel“ sagt sie „immer nur beim Vieh gewesen, immer am liebsten mit Kühen und Kälbern allein geblieben und weiss nicht, was sich schickt.
Und da soll ich jetzt vor allen Leuten dahergehen und die Fahne tragen?“ [...]"
Ein langer Abendschatten fällt auf das Mädel hernieder, es blickt auf und vor ihm steht der Pfarrer von Wildalpen.
Der Pfarrer blickt Maria in die Augen, sieht, was für ein hübsches, junges, starkes Ding sie ist, fragt sie nach dem Woher und Wohin --- und bekommt eine Idee.
Er nimmt sie mit sich ins Haus.
„Man muss den Leuten das Gute möglichst leicht machen“, sagt der Pfarrer.
„Darum meine ich: Du bist die rechte Fahnenträgerin!“
Das ist eine feine Berechnung: Mit der jungen, hübschen Fahnenträgerin werden auch die störrischsten, jungen Buben an der Prozession teilnehmen, und nicht immer bloss die alten Weiber!
Maria ist entsetzt: „Ich bin nur ein einfältiges Mädel“ sagt sie „immer nur beim Vieh gewesen, immer am liebsten mit Kühen und Kälbern allein geblieben und weiss nicht, was sich schickt.
Und da soll ich jetzt vor allen Leuten dahergehen und die Fahne tragen?“ [...]"
Friday, June 4, 2010
#36, Nachhut
Schauplatz: Gethsemanekirche, Helmholzkiez, Prenzlauer Berg. Die Kinderwagen haben längst die Macht auf dem Gehweg übernommen.
Vor einem Kaffee kehrt eine junge Braut die Scherben des Polterabends zusammen.
Die Hochzeitsgäste sitzen neben ihren Digitalkameras, trinken Milchkaffee, schweigen.
Vor einem Kaffee kehrt eine junge Braut die Scherben des Polterabends zusammen.
Die Hochzeitsgäste sitzen neben ihren Digitalkameras, trinken Milchkaffee, schweigen.
Thursday, June 3, 2010
#189, African Rumba
Die Nachricht versprach gar nichts, und nur ungern vereinbarte ich den Termin.
Unten an der Haustür ein Aushang: Wer nach 23 Uhr die Waschmaschine benutzt, stört die Nachruhe. Die Treppen sind sauber, Marmor, 60er Jahre, Westberlin. Man riecht es - die Vorliebe für bestimmte Putzmittel hat sich auch hier nicht geändert.
Ich klingele im zweiten Stock. Es ist still, ein paar Sekunden. Mit einem Lachen wird die Tür aufgerissen. Ein stämmiger schwarzer Mann streckt seinen Arm auf den Flur, greift meine Hand und zieht mich hinein. Er ist laut, herzlich, eindringlich, so, als hätte er mich schon Jahre freudig erwartet. Mich schaudert, und im nächsten Augenblick mischt sich gute Laune in die
kribbelnden Glieder. Er wirft Kleider beiseite, verrückt Sessel, und stellt einen Stuhl genau vor die Platten.
Ich sehe die Platten durch, während er Geschichten für drei Romane erzählt.
Er hat die perfekte gute Laune Musik, Reggae, Soul und seltene afrikanische Rumbamusik, Franco und Langa Langa. Ich suche seit Jahren vergeblich danach.
Er will sie beinahe verschenken.
Unten an der Haustür lese in den Aushang erneut. Ich bleibe gelassen. Wenn ich mal Probleme mit einer Waschmaschine habe, komme ich zurück, klingele im zweiten Stock und bin geheilt.
Unten an der Haustür ein Aushang: Wer nach 23 Uhr die Waschmaschine benutzt, stört die Nachruhe. Die Treppen sind sauber, Marmor, 60er Jahre, Westberlin. Man riecht es - die Vorliebe für bestimmte Putzmittel hat sich auch hier nicht geändert.
Ich klingele im zweiten Stock. Es ist still, ein paar Sekunden. Mit einem Lachen wird die Tür aufgerissen. Ein stämmiger schwarzer Mann streckt seinen Arm auf den Flur, greift meine Hand und zieht mich hinein. Er ist laut, herzlich, eindringlich, so, als hätte er mich schon Jahre freudig erwartet. Mich schaudert, und im nächsten Augenblick mischt sich gute Laune in die
kribbelnden Glieder. Er wirft Kleider beiseite, verrückt Sessel, und stellt einen Stuhl genau vor die Platten.
Ich sehe die Platten durch, während er Geschichten für drei Romane erzählt.
Er hat die perfekte gute Laune Musik, Reggae, Soul und seltene afrikanische Rumbamusik, Franco und Langa Langa. Ich suche seit Jahren vergeblich danach.
Er will sie beinahe verschenken.
Unten an der Haustür lese in den Aushang erneut. Ich bleibe gelassen. Wenn ich mal Probleme mit einer Waschmaschine habe, komme ich zurück, klingele im zweiten Stock und bin geheilt.
Wednesday, June 2, 2010
#200, Werkzeugmarken
Erwin kommt, die Tür schwingt auf. Er geht heute in Rente und gibt einen aus.
Seit Jahren arbeitet er nicht. „Ich parke“, erklärt er. Sie haben einen Deal: Solange sie ihn nicht brauchen, hat er frei. Er hat dafür gesorgt, dass sie ihn nicht brauchen.
Als sie ihm den Computer zeigten, sagte er: „Ich fasse nichts an, womit man Bomben zünden kann!“ - Sie ließen ihn. Sein Tag heute ist wie jeder andere der letzen Jahre - er macht die Runde und erzählt: „Ich war der einzige, der einen dreizehner Schlüssel hatte. Um '70 rum muss es gewesen sein. Ein Jahr ging das, und trotzdem liefen die Reparaturen“. Und nicht nur abends nach Feierabend wurde gesoffen. Morgens um sieben ging einer mit dem Kasten los, zehn Fächer für zehn Flaschen Bier und eins für einen halben Liter Schnaps. Sie trafen sich am Tresen vom Werkzeuglager. Jeder hatte einen Satz Werkzeugmarken, Blechmarken mit einer Nummer und einem Loch. Für jedes Werkzeug gab es einen Nagel. Sie liehen die Werkzeuge aus, gaben ihre Marken ab und tranken das erste Bier.
Die Rente wird reichen, er hat mit 16 angefangen - über 40 Jahre mit Schichtzuschlägen.
„Finger weg!“ sagt er, wenn jemand seine Zigaretten berührt.
Seit Jahren arbeitet er nicht. „Ich parke“, erklärt er. Sie haben einen Deal: Solange sie ihn nicht brauchen, hat er frei. Er hat dafür gesorgt, dass sie ihn nicht brauchen.
Als sie ihm den Computer zeigten, sagte er: „Ich fasse nichts an, womit man Bomben zünden kann!“ - Sie ließen ihn. Sein Tag heute ist wie jeder andere der letzen Jahre - er macht die Runde und erzählt: „Ich war der einzige, der einen dreizehner Schlüssel hatte. Um '70 rum muss es gewesen sein. Ein Jahr ging das, und trotzdem liefen die Reparaturen“. Und nicht nur abends nach Feierabend wurde gesoffen. Morgens um sieben ging einer mit dem Kasten los, zehn Fächer für zehn Flaschen Bier und eins für einen halben Liter Schnaps. Sie trafen sich am Tresen vom Werkzeuglager. Jeder hatte einen Satz Werkzeugmarken, Blechmarken mit einer Nummer und einem Loch. Für jedes Werkzeug gab es einen Nagel. Sie liehen die Werkzeuge aus, gaben ihre Marken ab und tranken das erste Bier.
Die Rente wird reichen, er hat mit 16 angefangen - über 40 Jahre mit Schichtzuschlägen.
„Finger weg!“ sagt er, wenn jemand seine Zigaretten berührt.
Tuesday, June 1, 2010
#96, Informiert sein
Zu Hause ist es kalt, ganz unglaublich kalt, und ein Freund erwartet mich. Ich bin noch warm von der Reise und finde mich nur schwer zurecht. Zum Glück gibt er mir eine Zusammenfassung von dem, was unterdessen geschehen ist, und während wir Hühnchen essen, höre ich von der Lage in Israel, Köhlers Rücktritt, vom Grand Prix, wir sprechen über die spanische transición oder die Rückkehr zu alten Verhältnissen, Fl. gibt mir die genauen Prozentzahlen der Wahlen in Kolumbien an sowie seine Einschätzung zur kommenden Stichwahl, und als wir alle Hühnchenknochen abgelutscht haben, sprechen wir über Kolumbus.
Monday, May 31, 2010
#102, Nachtrag: to do
Ein schmerzender Fuß, ein älteres Liebespaar und die Frage nach der Philosophie führt uns in Gedanken zu einem Kurzfilm. Ein paar müde Metroarbeiter, die darauf warten, dass endlich der letzte Zug durchfährt, möchten wir in einem Foto festhalten.
Die Szene, wie Mütter und Ehefrauen bei Einbruch der Nacht in den Müllkübeln des Supermarktes wühlen, sollte, denke ich bei mir, in einem Roman wieder auftauchen.
Und die kleine Kaffeemühle, die jemand auf die Straße gesetzt hat, könnte die Protagonistin eines Bilderbuchs werden.
Natürlich setzen wir keins dieser Projekte in die Tat um, aber wir erzählen einander davon und knacken dabei mit den Fingern.
Die Szene, wie Mütter und Ehefrauen bei Einbruch der Nacht in den Müllkübeln des Supermarktes wühlen, sollte, denke ich bei mir, in einem Roman wieder auftauchen.
Und die kleine Kaffeemühle, die jemand auf die Straße gesetzt hat, könnte die Protagonistin eines Bilderbuchs werden.
Natürlich setzen wir keins dieser Projekte in die Tat um, aber wir erzählen einander davon und knacken dabei mit den Fingern.
Sunday, May 30, 2010
#68, Nachtrag: Madrid
Ich komme aus dem Metro-Aufgang, nach Flughafen und verschiedenen Transportmitteln zum ersten Mal seit Jahren an die Luft dieser Stadt. Frisch ist sie nicht, diese Luft, noch gesättigt von der Wärme des Tages drängt sie sich um mich, dazu der Geruch von Frittiertem, nach marisco, Bier und croquetas.
Noch mit verbundenen Augen hätte ich den Geruch dieser Stadt wiedererkannt, und das alles, bevor ich den ersten Gruß formuliere.
Noch mit verbundenen Augen hätte ich den Geruch dieser Stadt wiedererkannt, und das alles, bevor ich den ersten Gruß formuliere.
Saturday, May 29, 2010
#94, Nachtrag: Ohne abzusetzen
Diesen Namen zu schreiben: Es geht los mit einem langen, selbstbewussten Strich nach unten, der, überraschend, plötzlich im rechten Winkel abknickt. Bevor er noch zum Horizont werden kann, erfährt er zwei lustige Hüpfer nach oben, wie ein Lachen, das durch eine harmonische Kurve in einer Kreisfigur endet, die links fest steht und sich zur rechten Seite nicht hin schließen mag. Stattdessen schießt die Linie spontan in den nächsten Buchstaben und dreht sich dort um sich selbst, jedoch nicht endlos, denn am Ende steht ein Stückchen über, wie eine Hand, die man jederzeit ergreifen kann.
Friday, May 28, 2010
#18, Nachtrag: Fliegen
An einem Sonntag im Mai in der Luft vor meinem Fenster:
Pappelsamen, Hagel, gegen 20.00h eine einzelne Seifenblase.
Pappelsamen, Hagel, gegen 20.00h eine einzelne Seifenblase.
Thursday, May 27, 2010
#95, Blick auf Langwasser
T. ist Ingenieur und Mitte 30, wie wir alle. Gestern hatten wir am Telefon folgendes Gespräch:
T: Das war wirklich ein guter Film, weil... OOOHH!
I: Was denn?
T: Also, das habe ich ja lange nicht mehr gesehen.
I: Na, was denn?
T: Da ist ein REGENBOGEN!
I: Ach so.
T: Ja, aber WAS FÜR EINER!!!
I: Na, was denn für einer?
T: Na, so ein 1A-Regenbogen eben. So ein Gütesiegel-Regenbogen. Mit allen Farben. Der... OOOOOOH!
I: WAS DENN!!!
T: Wahnsinn, der erstreckt sich ja über ganz Langwasser...
bis dahin, unglaublich, WO DIE AUTOBAHN ANFÄNGT!!!
T: Das war wirklich ein guter Film, weil... OOOHH!
I: Was denn?
T: Also, das habe ich ja lange nicht mehr gesehen.
I: Na, was denn?
T: Da ist ein REGENBOGEN!
I: Ach so.
T: Ja, aber WAS FÜR EINER!!!
I: Na, was denn für einer?
T: Na, so ein 1A-Regenbogen eben. So ein Gütesiegel-Regenbogen. Mit allen Farben. Der... OOOOOOH!
I: WAS DENN!!!
T: Wahnsinn, der erstreckt sich ja über ganz Langwasser...
bis dahin, unglaublich, WO DIE AUTOBAHN ANFÄNGT!!!
Wednesday, May 26, 2010
#150, Echte zehn Prozent
Auf dem Tisch vis-à-vis liegen zwei Frühstücksdeckchen. Auf dem einen steht der Heizlüfter, und auf dem anderen hänge ich - mein Kopf mit Kinn in der Faust auf verschränkten Armen – die Backe im Strom heißer Luft.
Die Sonne scheint, von oben rechts über dem Dach reicht sie für eine Stunde bis unten links in die Ecke der Küche hinein. Die Wand neben dem Dosenregal strahlt in weiß. Die Geranie innen auf dem Fensterbrett blüht schon seit Wochen, Kaffee wäre noch in der Kanne, und die Krümel vieler Schrippen auf den Deckchen jucken mich nicht.
Im Radio kommt Werbung – „Echte zehn Prozent, nur hier, ich soll sie schön grüßen!“ Es ist warm genug, ich schalte den Heizlüfter aus. Jetzt, da der Lüfter nicht mehr dröhnt, merke ich, wie laut das Radio ist. Ich nippe am Kaffee, schalte den Heizlüfter wieder an, bringe meine Backe in Position und warte auf die Nachrichten.
Die Sonne scheint, von oben rechts über dem Dach reicht sie für eine Stunde bis unten links in die Ecke der Küche hinein. Die Wand neben dem Dosenregal strahlt in weiß. Die Geranie innen auf dem Fensterbrett blüht schon seit Wochen, Kaffee wäre noch in der Kanne, und die Krümel vieler Schrippen auf den Deckchen jucken mich nicht.
Im Radio kommt Werbung – „Echte zehn Prozent, nur hier, ich soll sie schön grüßen!“ Es ist warm genug, ich schalte den Heizlüfter aus. Jetzt, da der Lüfter nicht mehr dröhnt, merke ich, wie laut das Radio ist. Ich nippe am Kaffee, schalte den Heizlüfter wieder an, bringe meine Backe in Position und warte auf die Nachrichten.
Tuesday, May 25, 2010
#33, ICH hab's ja nicht geschrieben...
È un periodo da canzoni cantate in balcone, due braccia che ti tengono la testa, la tua mano scivola sopra la schiena e stringe forte il culo di lei che scoppia a ridere.
May 24/2010
bei: http://spaam.tumblr.com
May 24/2010
bei: http://spaam.tumblr.com
Monday, May 24, 2010
# 26, Lehre der Dynamik
Lutz erklärt mir, wie sich alles ändern wird.
Ich soll, wenn ich still zu Hause rumsitze und mich langweile, den dicken Zeh bewegen.
Das ist alles.
Ich soll, wenn ich still zu Hause rumsitze und mich langweile, den dicken Zeh bewegen.
Das ist alles.
Sunday, May 23, 2010
#57, Die Schönheit von Kreuzberg II
Auf einem Balkon in der Yorkstraße gesessen, nur Baumwipfel gesehen und Sonne auf dem Scheitel gespürt. Von unten stundenlang Salsa gehört und das Stimmengewirr vieler Menschen, wie im Schwimmbad. Den Karnevalsumzug, der unten vorbeizog, nicht angeschaut, aber gewusst, dass er da ist, und stattdessen fein gefrühstückt.
Und natürlich die Frage: Glaubst du, die Eier sind schon fertig?
Und natürlich die Frage: Glaubst du, die Eier sind schon fertig?
Saturday, May 22, 2010
#200, Freundlichkeit und sportlicher Ehrgeiz
In Neukölln kommt der Karneval der Kulturen nicht an. Multi-kulti betrachtet man hier als Gewäsch, was zur Verständigung der Kulturen beiträgt, das sind stattdessen eherne Prinzipien wie Konsequenz und Unnachgiebigkeit.
Dieser Theorie folgend, konnte ich heute ein von langer Hand geplantes Projekt zum erfolgreichen Abschluss bringen. Nämlich gibt es da diese ältere türkische Frau, die eine Bäckerei in meiner Straße hat. Die Frau ist klein, dick und trägt meistens eine Kittelschürze. Besonders freundlich ist sie nicht, eher griesgrämig sogar und damit alles in allem den älteren Frauen recht ähnlich, die ich aus Süddeutschland kenne.
Im Fränkischen ist der respektvolle Gruß an die Alten üblich. Weil ich sowieso daran gewöhnt war, begann ich, auch die ältere türkische Frau in meiner Straße zu grüßen. Das war vor knapp einem Jahr.
Diese Frau allerdings erwies sich als harter Brocken. Sie grüßte nämlich nie zurück. Weil ich aber die ehernen Prinzipien kenne, grüßte ich weiter, täglich, konsequent und unnachgiebig, meistens lächelnd. Ich dachte dabei, dich krieg ich schon noch.
Und heute Nachmittag schließlich, da ist es passiert, einfach so. Ich grüßte: Und plötzlich wiegte die ältere Frau den Kopf und zog dabei den linken Mundwinkel ein bisschen nach oben - ich hab’s genau gesehen.
Dieser Theorie folgend, konnte ich heute ein von langer Hand geplantes Projekt zum erfolgreichen Abschluss bringen. Nämlich gibt es da diese ältere türkische Frau, die eine Bäckerei in meiner Straße hat. Die Frau ist klein, dick und trägt meistens eine Kittelschürze. Besonders freundlich ist sie nicht, eher griesgrämig sogar und damit alles in allem den älteren Frauen recht ähnlich, die ich aus Süddeutschland kenne.
Im Fränkischen ist der respektvolle Gruß an die Alten üblich. Weil ich sowieso daran gewöhnt war, begann ich, auch die ältere türkische Frau in meiner Straße zu grüßen. Das war vor knapp einem Jahr.
Diese Frau allerdings erwies sich als harter Brocken. Sie grüßte nämlich nie zurück. Weil ich aber die ehernen Prinzipien kenne, grüßte ich weiter, täglich, konsequent und unnachgiebig, meistens lächelnd. Ich dachte dabei, dich krieg ich schon noch.
Und heute Nachmittag schließlich, da ist es passiert, einfach so. Ich grüßte: Und plötzlich wiegte die ältere Frau den Kopf und zog dabei den linken Mundwinkel ein bisschen nach oben - ich hab’s genau gesehen.
Friday, May 21, 2010
#200, Die Lupe meiner Mutter
Heute hat mir ein Bekannter gezeigt, wie man erkennt, ob eine Plattennadel abgenutzt ist oder nicht, und ob sie einen sphärischen oder elliptischen Schliff hat. Die Lupe, die er dazu benutzt, kenne ich. Wenn meine Mutter mit Steinen beschäftigt ist, hat sie so eine an einer Schnur um den Hals hängen, so, wie andere einen großen Bernstein tragen. Die Lupe ist klein, kaum größer als ein Hosenknopf, hat aber eine Linse, die stärker vergrößert als normale Leselupen.
In meiner Kindheit fuhren meine Eltern in die Steinbrüche. Am Wochenende waren keine Arbeiter dort, und Wachleute gab es nicht. Manchmal fuhren wir auf wilden Feldwegen in Steinbrüche, die schon lange brach lagen, und manchmal vorbei an neuen Baggern und Schildern, die Mineraliensammlern mit Konsequenzen drohten. Dort, wo gerade frisch gesprengt wurde, sind die interessanten Steine zu finden. Meine Eltern standen am Stein dicht beisammen. Sie nahm die Lupe, sah nach bestimmten Kristallen und der Maserung, erklärte, was sie sah, und zeigte, wo der Meißel zu platzieren sei. Er schlug mit dem Fäustel, so dass das Echo der Wände bis ins nächste Dorf hallte. Mal flüsterten sie, mal beschimpften sie sich, mal gelang ein Schlag und mal zersprang die Stufe im letzten Moment.
In meiner Kindheit fuhren meine Eltern in die Steinbrüche. Am Wochenende waren keine Arbeiter dort, und Wachleute gab es nicht. Manchmal fuhren wir auf wilden Feldwegen in Steinbrüche, die schon lange brach lagen, und manchmal vorbei an neuen Baggern und Schildern, die Mineraliensammlern mit Konsequenzen drohten. Dort, wo gerade frisch gesprengt wurde, sind die interessanten Steine zu finden. Meine Eltern standen am Stein dicht beisammen. Sie nahm die Lupe, sah nach bestimmten Kristallen und der Maserung, erklärte, was sie sah, und zeigte, wo der Meißel zu platzieren sei. Er schlug mit dem Fäustel, so dass das Echo der Wände bis ins nächste Dorf hallte. Mal flüsterten sie, mal beschimpften sie sich, mal gelang ein Schlag und mal zersprang die Stufe im letzten Moment.
Thursday, May 20, 2010
#159, Krankenhaus, ästhetisch
Sch. liegt in der Elisabeth-Klinik an der Potsdamer Straße. Ein anheimelndes, kleines Krankenhaus aus Backstein, man hat ihn auf der Komfort-Station untergebracht, was nach DB-Lounge klingt.
Obwohl man nicht viel aus ihm herausgeschnitten hat, sieht Sch. nicht gut aus. Er hat Schmerzen. Als ich ihm sage, wie hübsch das blassblaue Muster seines Krankenhauskittels zu den grünen Streifen des Krankenhausbettzeugs passt, findet er meine Beobachtung total bescheuert. Dann muss er doch lachen.
Zwei Tage später bin ich schon wieder auf Krankenbesuch.
L. liegt in der Charité in Steglitz. Ihr Zimmer hat einen wunderbaren Ausblick auf Dächer und Bäume. Für das, was man aus ihr herausgeschnitten hat, sieht sie regelrecht frisch aus, sie erzählt mit Begeisterung von dem neuen Schmerzmittel. Während sie mir alle Kanülen und Schnitte erklärt, bleibt ihr Blick an dem blassblauen Muster ihres Krankenhauskittels hängen. Findest du nicht, fragt sie, dass das sehr hübsch zu den grünen Streifen des Bettzeugs aussieht? Doch, sage ich, das finde ich auch.
Obwohl man nicht viel aus ihm herausgeschnitten hat, sieht Sch. nicht gut aus. Er hat Schmerzen. Als ich ihm sage, wie hübsch das blassblaue Muster seines Krankenhauskittels zu den grünen Streifen des Krankenhausbettzeugs passt, findet er meine Beobachtung total bescheuert. Dann muss er doch lachen.
Zwei Tage später bin ich schon wieder auf Krankenbesuch.
L. liegt in der Charité in Steglitz. Ihr Zimmer hat einen wunderbaren Ausblick auf Dächer und Bäume. Für das, was man aus ihr herausgeschnitten hat, sieht sie regelrecht frisch aus, sie erzählt mit Begeisterung von dem neuen Schmerzmittel. Während sie mir alle Kanülen und Schnitte erklärt, bleibt ihr Blick an dem blassblauen Muster ihres Krankenhauskittels hängen. Findest du nicht, fragt sie, dass das sehr hübsch zu den grünen Streifen des Bettzeugs aussieht? Doch, sage ich, das finde ich auch.
Wednesday, May 19, 2010
#159, Nachmittägliche Bestform
Heute habe ich lauter dummes Zeug geträumt. Auf einem Spaziergang sind mir zuerst gelangweilte Dachse begegnet, dann zwei rehartige Viecher mit einem roten, winkenden Schleier um die Ohren und schließlich zwei Pferde, die aussahen, als habe Miyazaki an ihnen ein bisschen die Linienführung ausprobiert.
Danach bin ich auf meinen Winterschuhen einen Berg hinunter gefahren, was großartig war, weil ich zwar eigentlich ein miserabler Skifahrer bin, aber mit meinen Winterschuhen an den Füßen zu echten Höchstleistungen aufgelaufen bin.
Außerdem gab es keinen Schnee, ich konnte also noch nicht einmal ausrutschen.
Dafür bin ich dann mit wahnsinniger Geschwindigkeit durch eine Stadt geholzt, mit lauter Sachen, die ich dabei umgefahren habe, Geranien, Sonnenschirme, Obststände, Autos, Kleinfamilien, und die links und rechts meines Gesichtskreises durch die Luft flogen.
Nach ein paar abschließenden Sprüngen kam ich schließlich mit einem eleganten Schwung zum
Stehen, begeistert, atemlos und noch innerhalb meines Traumes mit dem Gedanken:
Mann, war das cool! Darüber möchte ich unbedingt bei Aurelio schreiben!
Danach bin ich auf meinen Winterschuhen einen Berg hinunter gefahren, was großartig war, weil ich zwar eigentlich ein miserabler Skifahrer bin, aber mit meinen Winterschuhen an den Füßen zu echten Höchstleistungen aufgelaufen bin.
Außerdem gab es keinen Schnee, ich konnte also noch nicht einmal ausrutschen.
Dafür bin ich dann mit wahnsinniger Geschwindigkeit durch eine Stadt geholzt, mit lauter Sachen, die ich dabei umgefahren habe, Geranien, Sonnenschirme, Obststände, Autos, Kleinfamilien, und die links und rechts meines Gesichtskreises durch die Luft flogen.
Nach ein paar abschließenden Sprüngen kam ich schließlich mit einem eleganten Schwung zum
Stehen, begeistert, atemlos und noch innerhalb meines Traumes mit dem Gedanken:
Mann, war das cool! Darüber möchte ich unbedingt bei Aurelio schreiben!
Tuesday, May 18, 2010
#193, Die Kisten vom Boss
Eine Bekannte kommt zu Besuch und zeigt mir die Kleider, die sie auf dem Markt gekauft hat. Während sie ein Hemd vor meinen Augen gleich noch mal anprobiert, wendet sie sich und zeigt auf einen Stand, an dem sie ein Jackett gesehen hat, das mir passen könnte.
Ich folge ihr zögernd, ziehe die alte Jacke und einen Pullover aus, betrachte mit Sorge die abgetragenen Sachen und ebenso das Jackett, und als ich es anhabe und im Spiegel sehe, werde ich nervös, denn so wie es aussieht, werde ich es anbehalten.
Später wuchte ich die Kisten wie der Boss, der selber mit anpackt, sehe an der Seite den am
Rücken fallenden feinen Stoff, achte auf die Bewegungen und sehe mich nach Passanten um, die mir zusehen könnten.
Heute wähle ich eine Nummer, vergesse die Vorwahl, und lande bei einer Dame, die einen lange nicht gehörten Spruch aufsagt: „Kein Anschluss unter dieser Nummer“ - die Stimme ist neu und aufregend. Ich lege auf, warte ein paar Sekunden und wähle erneut.
Ich ziehe das neue Jackett und den französischen Hut an und spaziere die Schönhauser entlang, um nach der Frau zu suchen, die diese Ansage klären kann.
Monday, May 17, 2010
#34, Der Frühaufsteher
Die Freuden desjenigen, der als erster aufgestanden ist:
"Meine Lieben!
Ich habe die ganze Milch aufgebraucht, den letzten Toast gegessen und Käse ist auch keiner mehr da.
Habt trotzdem einen schönen Tag!
Bussi, A."
"Meine Lieben!
Ich habe die ganze Milch aufgebraucht, den letzten Toast gegessen und Käse ist auch keiner mehr da.
Habt trotzdem einen schönen Tag!
Bussi, A."
Sunday, May 16, 2010
#114, Innen Stadt Außen
Ich kenne Olafur Eliasson aus Italien, ich kenne ihn als sehr angenehmen Menschen ohne Allüren.
Seine aktuelle Schau in Berlin hat mich vor allem deshalb interessiert. Nicht damit gerechnet hätte ich, dass ausgerechnet diese Ausstellung mich durch Schönheit verblüffen würde:
In einem vollkommen dunklen Raum hängt ein beleuchteter Schlauch, aus dem Wasser spritzt. Auch das Wasser, jeder einzelne Tropfen, leuchtet. Durch den Druck, mit dem das Wasser aus dem Schlauch tritt, tanzt er. Die leuchtenden Wasserspiralen sind daher unberechenbar. Soweit die Kunst.
Die Schönheit erreichen zwei kleine Mädchen, die unter dem Schlauch stehen. Sie lachen, sie kreischen, wenn eine Wasserspirale auf ihnen niedergeht.
Das Lachen hört man schon, bevor man noch den Raum betritt.
Seine aktuelle Schau in Berlin hat mich vor allem deshalb interessiert. Nicht damit gerechnet hätte ich, dass ausgerechnet diese Ausstellung mich durch Schönheit verblüffen würde:
In einem vollkommen dunklen Raum hängt ein beleuchteter Schlauch, aus dem Wasser spritzt. Auch das Wasser, jeder einzelne Tropfen, leuchtet. Durch den Druck, mit dem das Wasser aus dem Schlauch tritt, tanzt er. Die leuchtenden Wasserspiralen sind daher unberechenbar. Soweit die Kunst.
Die Schönheit erreichen zwei kleine Mädchen, die unter dem Schlauch stehen. Sie lachen, sie kreischen, wenn eine Wasserspirale auf ihnen niedergeht.
Das Lachen hört man schon, bevor man noch den Raum betritt.
Saturday, May 15, 2010
#110, Gewitterdisko
Wir stehen draußen, mein Bruder und ich, unter einem Dach. Das Gewitter kommt rasch näher. Der Wind bläht uns an, manchmal haben wir Sprühregen im Gesicht.
Dann beginnen die Blitze. Sie kommen, von hinter den Bäumen. Im Gegenlicht sehen die Bäume aus wie Tuscheskizzen, gezeichnet mit sicherem Duktus, hingeworfen. Auch hergeworfen, da ist viel Gewalt im Spiel.
Der Rhythmus der Blitze wird jetzt zunehmend aggressiver, Stroboskoplicht, und wie in der Disko auch hier das Gefühl, nicht mehr ganz in der Welt zu stehen. Es donnert nur selten.
Dunkel wird es nur noch für Augenblicke, wir legen die Arme umeinander, wir sprechen nicht.
Die Bäume sind Birken und Buchen, keine Eichen.
Dann beginnen die Blitze. Sie kommen, von hinter den Bäumen. Im Gegenlicht sehen die Bäume aus wie Tuscheskizzen, gezeichnet mit sicherem Duktus, hingeworfen. Auch hergeworfen, da ist viel Gewalt im Spiel.
Der Rhythmus der Blitze wird jetzt zunehmend aggressiver, Stroboskoplicht, und wie in der Disko auch hier das Gefühl, nicht mehr ganz in der Welt zu stehen. Es donnert nur selten.
Dunkel wird es nur noch für Augenblicke, wir legen die Arme umeinander, wir sprechen nicht.
Die Bäume sind Birken und Buchen, keine Eichen.
Friday, May 14, 2010
# 200, Dienst am Kunden
Am Tresen ist es schön behaglich, hier ändert sich nichts. Die Gesprächsthemen der Stammgäste sind immer dieselben. Der Wirt sagt, er hätte sich längst daran gewöhnt – „Ich renne nicht weg!“
Er erklärt, wie der Tresen entstanden ist: „Die Gäste wollten zusehen, wenn gekocht wird, um nicht betrogen zu werden.“ Einer der Gäste widerspricht: „Der Tresen ist nur eine Trennlinie, um die Gäste vom Schnaps fern zu halten.“ Er ist betrunken und wiederholt sich.
Wenn dem Wirt die Gäste auf die Nerven gehen, beugt er sich vor, hebt die Hand, öffnet den Mund, zögert, und sagt dann ein paar Worte. Er wendet sich ab, sobald jemand etwas erwidert. Während er zapft, kommt ein neues, altes Thema auf. „Dienst am Kunden“ nennt er das. „Du musst den Gästen den Eindruck geben, sie hätten etwas zu erzählen.“ - auch wenn nur der Wechsel altbekannter Themen den Schein von Schwung gibt. Er blickt zu Boden, wenn er raucht.
Schaum fließt über den Rand, wenn er zapft. Anderswo steht das Fass oberhalb des Tresens - wird gekippt und ausgewechselt, wenn es leer ist. Oder das Bier wird gepumpt. „Kein Schaum, aber natürliche Kohlensäure“ erklärt er. Ich will Schaum, und schaue ihm weiter auf die Finger.
Er erklärt, wie der Tresen entstanden ist: „Die Gäste wollten zusehen, wenn gekocht wird, um nicht betrogen zu werden.“ Einer der Gäste widerspricht: „Der Tresen ist nur eine Trennlinie, um die Gäste vom Schnaps fern zu halten.“ Er ist betrunken und wiederholt sich.
Wenn dem Wirt die Gäste auf die Nerven gehen, beugt er sich vor, hebt die Hand, öffnet den Mund, zögert, und sagt dann ein paar Worte. Er wendet sich ab, sobald jemand etwas erwidert. Während er zapft, kommt ein neues, altes Thema auf. „Dienst am Kunden“ nennt er das. „Du musst den Gästen den Eindruck geben, sie hätten etwas zu erzählen.“ - auch wenn nur der Wechsel altbekannter Themen den Schein von Schwung gibt. Er blickt zu Boden, wenn er raucht.
Schaum fließt über den Rand, wenn er zapft. Anderswo steht das Fass oberhalb des Tresens - wird gekippt und ausgewechselt, wenn es leer ist. Oder das Bier wird gepumpt. „Kein Schaum, aber natürliche Kohlensäure“ erklärt er. Ich will Schaum, und schaue ihm weiter auf die Finger.
Thursday, May 13, 2010
Wednesday, May 12, 2010
#111, Ein Glas Wasser für den Kaktus
Ich ziehe die Gardine weg, um endlich mal wieder richtig lüften zu können. In der Ecke vom Fensterbrett grüßt mich der Kaktus. Ich habe ihn seit dem Herbst nicht mehr gesehen. Ich erschrecke, denn er ist dünn geworden - und lang ist er, länger, als ich ihn in Erinnerung habe. Neben ihm stehen die Elefanten aus Porzellan und Glas, im Staub ergraut.
Ich puste ordentlich und bringe ein Glas Wasser. Es versickert augenblicklich - ich begreife nicht, wo es in dem kleinen Topf so schnell geblieben sein kann.
Wenn ich in einem Monat wieder das Fenster öffne, wird der Kaktus fett sein. Und natürlich habe ich ihn bis dahin nicht wieder vergessen.
Ich puste ordentlich und bringe ein Glas Wasser. Es versickert augenblicklich - ich begreife nicht, wo es in dem kleinen Topf so schnell geblieben sein kann.
Wenn ich in einem Monat wieder das Fenster öffne, wird der Kaktus fett sein. Und natürlich habe ich ihn bis dahin nicht wieder vergessen.
Tuesday, May 11, 2010
#159, Die Liebe, ein Zirkus
Aus gegebenem Anlass denke ich daran, was K. einmal über mich gesagt hat: Wenn man von dir einen Handstand will, bekommt man einen Flic-Flac.
Ich war schon immer ein recht impulsiver Mensch. Wenn ich verliebt bin, werde ich regelrecht bescheuert. Beides hat sich in den letzten Jahren gebessert; aber nicht sehr. Beim Flic-Flac laufe ich noch immer Gefahr, mir alle Knochen zu brechen. Oder demjenigen, den ich damit überrumpele. (Meine Freunde wissen das und treten daher vorausschauend einen Schritt zur Seite.)
Überzeugt bin ich aber noch immer, dass Liebe vor allem eins will: Mut nämlich. Der Trick besteht darin, jemanden zu finden, der genauso viel Mut aufbringen kann, wie man selbst.
Als der Wanderzirkus einmal in unsere Grundschule kam, war ich das einzige Mädchen, das sich zur Jane küren lassen wollte. Zur Jane gekürt wurde man, indem man sich eine zweieinhalb Meter lange Boa constrictor um den Hals legen ließ. Die war erstaunlich schwer, erstaunlich trocken und erstaunlich rauh.
Ich war schon immer ein recht impulsiver Mensch. Wenn ich verliebt bin, werde ich regelrecht bescheuert. Beides hat sich in den letzten Jahren gebessert; aber nicht sehr. Beim Flic-Flac laufe ich noch immer Gefahr, mir alle Knochen zu brechen. Oder demjenigen, den ich damit überrumpele. (Meine Freunde wissen das und treten daher vorausschauend einen Schritt zur Seite.)
Überzeugt bin ich aber noch immer, dass Liebe vor allem eins will: Mut nämlich. Der Trick besteht darin, jemanden zu finden, der genauso viel Mut aufbringen kann, wie man selbst.
Als der Wanderzirkus einmal in unsere Grundschule kam, war ich das einzige Mädchen, das sich zur Jane küren lassen wollte. Zur Jane gekürt wurde man, indem man sich eine zweieinhalb Meter lange Boa constrictor um den Hals legen ließ. Die war erstaunlich schwer, erstaunlich trocken und erstaunlich rauh.
Monday, May 10, 2010
#168, The Dude von der Knef
Es regnet. Ich wühle in den Platten und bleibe bei „The Dude“ von Quincy Jones hängen. Eine Popplatte aus den 80ern, funky, glatt, fett und groovy. Die Platte gehörte mal der Knef, ich weiß es.
Sie und ihre anderen waren in einem erbärmlichen Zustand – je besser die Musik, desto schrecklicher sind die Kratzer – und die richtig guten haben klebrige Flecken und knistern wie ein Höllenfeuer – für Sammler ein Jammer.
Die Platten schienen alles erlebt zu haben, was ein leidenschaftliches Leben bieten kann. Ich suche eine Stelle auf dem Vinyl, die besonders schlimm aussieht, einen Fingerabdruck oder eine Art Saftfleck. Ich platziere die Nadel, und lausche.
Einmal pro Runde gibt es ein Geräusch, als wenn ein Klettverschluss mit einem Ruck aufgerissen wird. Während die Platte sich dreht, folgt mein Auge dieser Stelle - bis mir schwindlig wird. Aus dem Groove grüßt mich der Dude. Und auch wenn er ein wenig zu glatt grinsend aus dem Knistern hervorlugt, freue ich mich, endlich mal eine richtig gute zerkratzte Platte zu haben.
Sie und ihre anderen waren in einem erbärmlichen Zustand – je besser die Musik, desto schrecklicher sind die Kratzer – und die richtig guten haben klebrige Flecken und knistern wie ein Höllenfeuer – für Sammler ein Jammer.
Die Platten schienen alles erlebt zu haben, was ein leidenschaftliches Leben bieten kann. Ich suche eine Stelle auf dem Vinyl, die besonders schlimm aussieht, einen Fingerabdruck oder eine Art Saftfleck. Ich platziere die Nadel, und lausche.
Einmal pro Runde gibt es ein Geräusch, als wenn ein Klettverschluss mit einem Ruck aufgerissen wird. Während die Platte sich dreht, folgt mein Auge dieser Stelle - bis mir schwindlig wird. Aus dem Groove grüßt mich der Dude. Und auch wenn er ein wenig zu glatt grinsend aus dem Knistern hervorlugt, freue ich mich, endlich mal eine richtig gute zerkratzte Platte zu haben.
Sunday, May 9, 2010
# 53, Zum gestrigen Club-Sieg
Wörter meiner Kindheit:
- wie ein Achala schauen (wenn's blitzt)
- ein Reef sein
- finkeln
- Allmächd!
- das Madla
- der Wadschenbaum
- was mächadst?
- das Suggala
- eine Feschber machen
- das Gwerch
- jemanden trädsn
- das Graffl
- (das ist mir) bumbl!
- sich aufbredsln
- ein Gimpel / ein Simpel sein
- waafen
- ein Schnarchzapfn sein
- ein Waggala sein / haben
- adli sein
- Tschüssla!
- wie ein Achala schauen (wenn's blitzt)
- ein Reef sein
- finkeln
- Allmächd!
- das Madla
- der Wadschenbaum
- was mächadst?
- das Suggala
- eine Feschber machen
- das Gwerch
- jemanden trädsn
- das Graffl
- (das ist mir) bumbl!
- sich aufbredsln
- ein Gimpel / ein Simpel sein
- waafen
- ein Schnarchzapfn sein
- ein Waggala sein / haben
- adli sein
- Tschüssla!
Saturday, May 8, 2010
#158, Die Bienen meiner Mutter
Auf der Terrasse meiner Mutter steht ein Tisch, in dem ein kleines Bienenvolk wohnt. Hier sitzt meine Mutter, liest, arbeitet, wirft beim Lachen den Kopf in den Nacken. Meine Mutter grämt sich noch immer, weil sie als 13-Jährige den Namen des amerikanischen Schlagersängers Pat Boone falsch geschrieben hat, Pet Bun hat sie daraus gemacht. Aber zum Glück, sagt sie, hatte ich damals kein Geld für die Briefmarke, der Brief wurde nie abgeschickt.
Meine Mutter erzählt ihre Geschichten, keine einzige davon ist erfunden. Sie billigt meine Wahl (sie weiß auch: sie hat keine andere Möglichkeit), aber duldsam ist sie nicht. Nicht mehr.
Von diesem Tisch aus führt sie ihr Matriarchat wie eine griechische Göttin, nicht weise, nicht abgeklärt, sie schleudert ihre Blitze gegen diejenigen, die uns nicht wohlgesonnen sind. Hier versammeln wir uns und ertränken die Nachmittage in literweise Kaffee.
Meine Mutter sitzt an ihrem Tisch, sie spricht mit der Sonne, immer umgeben von einer Aureole aus schwirrenden Bienen.
Meine Mutter erzählt ihre Geschichten, keine einzige davon ist erfunden. Sie billigt meine Wahl (sie weiß auch: sie hat keine andere Möglichkeit), aber duldsam ist sie nicht. Nicht mehr.
Von diesem Tisch aus führt sie ihr Matriarchat wie eine griechische Göttin, nicht weise, nicht abgeklärt, sie schleudert ihre Blitze gegen diejenigen, die uns nicht wohlgesonnen sind. Hier versammeln wir uns und ertränken die Nachmittage in literweise Kaffee.
Meine Mutter sitzt an ihrem Tisch, sie spricht mit der Sonne, immer umgeben von einer Aureole aus schwirrenden Bienen.
Friday, May 7, 2010
#172, Licht über Lande
"Kann ich die Bücher, die Sie nicht kaufen wollen, hier lassen?" Es folgt ein strenger Blick des Nachdenkens, dann ein Nicken und eine Handbewegung, die genug sagt. Der Karton auf dem Boden bleibt im Laden.
Ich bücke mich und krame in den Büchern. Ein Band fällt mir in die Hand: Jacobsen. "Ich weiss, was passieren wird!" sage ich zum Antiquar, und er gibt dem Buch die Chance, gleich einer Wette, um die ich bitte.
Eine Woche später kommt ein junger Mann, eine Frau hat ihm die Briefe an einen jungen Dichter geschenkt, Rilke, er sucht mehr Rilke, und vielleicht Jacobsen? Er fragt gezielt und verlegen. Blind greife ich ins Regal und sehe, wie er blättert und versinkt. Ich seufze, als er den Laden verlässt. "Licht über Lande" - drei Worte, vielleicht noch ein paar mehr, die ich vor Jahren bei Jacobsen gefunden haben muss - jetzt auf der Straße fallen sie mir wieder ein. Und während ich aufblicke und spazierend dem frischen Grün der Bäume zublinzele, wiederhole ich immer und immer wieder den Vers.
Ich bücke mich und krame in den Büchern. Ein Band fällt mir in die Hand: Jacobsen. "Ich weiss, was passieren wird!" sage ich zum Antiquar, und er gibt dem Buch die Chance, gleich einer Wette, um die ich bitte.
Eine Woche später kommt ein junger Mann, eine Frau hat ihm die Briefe an einen jungen Dichter geschenkt, Rilke, er sucht mehr Rilke, und vielleicht Jacobsen? Er fragt gezielt und verlegen. Blind greife ich ins Regal und sehe, wie er blättert und versinkt. Ich seufze, als er den Laden verlässt. "Licht über Lande" - drei Worte, vielleicht noch ein paar mehr, die ich vor Jahren bei Jacobsen gefunden haben muss - jetzt auf der Straße fallen sie mir wieder ein. Und während ich aufblicke und spazierend dem frischen Grün der Bäume zublinzele, wiederhole ich immer und immer wieder den Vers.
Thursday, May 6, 2010
#168, Emotionale Drecksarbeit
Da, wo ich arbeite, raucht man auf dem Balkon. Und der Aschenbecher, der riesig ist, wird aus Prinzip nicht geleert. Gut so!
Denn wenn, wie heute, ein gemeiner Wind beschließt, den Aschenbecher umzublasen, dann watet man auch gleich knöcheltief in den Kippen.
Beim Zusammenkehren erkenne ich die Mentholkippen wieder, die Sch. geraucht hat, im letzten Sommer war das, immer höchstens 5 Züge, bis er sie gut zwei Daumenbreit über dem Filter ausdrückte. Daneben meine Selbstgedrehten, schmal und sauber heruntergeraucht, dafür in deutlich größerer Menge.
Und dann erinnere ich mich an all die Gespräche, die wir rauchend auf diesem Balkon geführt haben, Smalltalk, viel Smalltalk, aber es wurden auch die Grundlagen für Freundschaften gelegt, Eifersüchteleien wurden ausgetragen, vorsichtige Flirts angestoßen.
Soviel Emotion liegt da im Dreck!
Im NMN habe ich einmal eine Arbeit von Beuys gesehen, da hat er nach einer Demo den Müll von der Straße gekehrt und ihn anschließend ausgestellt. Vielleicht sollte ich die Chefin fragen, ob ich diese Kippen irgendwo an die Wand hängen darf.
Denn wenn, wie heute, ein gemeiner Wind beschließt, den Aschenbecher umzublasen, dann watet man auch gleich knöcheltief in den Kippen.
Beim Zusammenkehren erkenne ich die Mentholkippen wieder, die Sch. geraucht hat, im letzten Sommer war das, immer höchstens 5 Züge, bis er sie gut zwei Daumenbreit über dem Filter ausdrückte. Daneben meine Selbstgedrehten, schmal und sauber heruntergeraucht, dafür in deutlich größerer Menge.
Und dann erinnere ich mich an all die Gespräche, die wir rauchend auf diesem Balkon geführt haben, Smalltalk, viel Smalltalk, aber es wurden auch die Grundlagen für Freundschaften gelegt, Eifersüchteleien wurden ausgetragen, vorsichtige Flirts angestoßen.
Soviel Emotion liegt da im Dreck!
Im NMN habe ich einmal eine Arbeit von Beuys gesehen, da hat er nach einer Demo den Müll von der Straße gekehrt und ihn anschließend ausgestellt. Vielleicht sollte ich die Chefin fragen, ob ich diese Kippen irgendwo an die Wand hängen darf.
Wednesday, May 5, 2010
#190, Vier Haie und eine Schlange
"Na Jungs, habt ihr euch was ausgesucht?" fragt die Verkäuferin in der Bäckerei. Links neben dem Kuchen sind Fruchtgummis und andere Süßigkeiten in Dosen gestapelt, davor eine Handvoll Knaben, dicht gedrängt im Halbkreis an der Scheibe.
„Ich schon!“ ruft einer nach kurzem Zögern. "Was kostet ein Hai?" - "Fünf!“
Ich sehe, wie in den Händen die Münzen gezählt werden. „Dann nehme ich vier Haie und eine Schlange!“ Der Knabe ist dem Stimmbruch eben so nahe wie der ersten vom großen Bruder geklauten Zigarette. Noch einer weiß, was er will. Ich lausche der Bestellung und freue mich, noch alles,
was verlangt wird, zu kennen. Mit jedem Wort der Order rast ein Geschmack aus vergangenen Zeiten über meine Zunge, mal süß, mal salzig, mal bitter.
Ich kaufe Rhabarberkuchen und Bienenstich. Das Oldieradio spielt die Beatles, während die Verkäuferin aus dem Fenster blickt und dabei ihre Hände den Kuchen verpacken lässt. „Noch jemand was?“ Ich traue mich nicht und hätte doch auch gerne einen Hai gehabt, oder zwei oder auch vier. Und während ich das Wechselgeld aus meiner Hand in das Portemonnaie gleiten lasse, zähle ich
die Münzen zusammen, die ich noch habe.
Tuesday, May 4, 2010
#196, Verpiss dich, Arschloch!
Auf meine Nachbarn ist Verlass. Wenn mich der Mut verlassen will, wenn mich eine kleine Melancholie anfällt, wenn ich mir Sorgen mache, über mein Leben oder das meiner Freunde, dann ist Verlass auf die Nachbarn.
Denn die Nachbarn helfen in solchen Situationen bereitwillig. Um mir Beistand zu leisten, schreien sich die Nachbarn gerne mal ein paar Stunden an. Sie scheuen keine Mühe, sich die schlimmsten Schimpfwörter auszudenken und sie möglichst laut gegen die Wand zu brüllen, damit ich sie auch sicher höre. Dabei halten sie sich an den Händen und lächeln sich manchmal verschwörerisch zu. Hin und wieder gibt es auch eine Zugabe, dann suchen sie sich das schwerste Ding in ihrem Wohnzimmer und lassen es zu Boden poltern. Das ist normalerweise Aufgabe des Mannes, die Frau klatscht dazu lautlos Beifall.
Meine Nachbarn sind zuverlässige Leute, und bei soviel Einsatzbereitschaft kann ich nicht anders, als meine Melancholie bald wieder abzuschütteln. Manchmal hilft ein direkter Vergleich einfach mehr als viele Worte des Trostes. Meine Nachbarn wissen das, und sobald sie merken, dass es mir besser geht, nicken sie sich drüben zu und geben sich eine High-Five. Danach legen sie einen deutschen Schlager auf und tanzen ein bisschen.
Denn die Nachbarn helfen in solchen Situationen bereitwillig. Um mir Beistand zu leisten, schreien sich die Nachbarn gerne mal ein paar Stunden an. Sie scheuen keine Mühe, sich die schlimmsten Schimpfwörter auszudenken und sie möglichst laut gegen die Wand zu brüllen, damit ich sie auch sicher höre. Dabei halten sie sich an den Händen und lächeln sich manchmal verschwörerisch zu. Hin und wieder gibt es auch eine Zugabe, dann suchen sie sich das schwerste Ding in ihrem Wohnzimmer und lassen es zu Boden poltern. Das ist normalerweise Aufgabe des Mannes, die Frau klatscht dazu lautlos Beifall.
Meine Nachbarn sind zuverlässige Leute, und bei soviel Einsatzbereitschaft kann ich nicht anders, als meine Melancholie bald wieder abzuschütteln. Manchmal hilft ein direkter Vergleich einfach mehr als viele Worte des Trostes. Meine Nachbarn wissen das, und sobald sie merken, dass es mir besser geht, nicken sie sich drüben zu und geben sich eine High-Five. Danach legen sie einen deutschen Schlager auf und tanzen ein bisschen.
Monday, May 3, 2010
#179, You are like a hurricane, there's calm in your eye
Eigentlich wollte ich nur meinen Beitrag zur Allgemeinbildung Anderer leisten, so wie Andere ihren Beitrag zu meiner Allgemeinbildung leisten. Und Neil Young gehört zur Allgemeinbildung, daran gibt es keinen Zweifel.
Wie immer ein bisschen nervös, ob auch die richtigen Songs bei Youtube zu finden seien – denn was bei Youtube nicht auftaucht, existiert nicht – fand ich sie, alle.
Ich begann, natürlich, mit Heart of Gold, und plötzlich kam es zum perfekten Moment, nämlich: regnete es draußen, nämlich: war es dunkel im Zimmer, nämlich: spielte da Heart of Gold, und ich wollte einem Zweiten etwas zeigen und wurde dabei von mir selbst überrascht. Wer ich damals war, als ich diesen Song zum ersten Mal hörte, wer wir waren. Wer ich heute bin. (Wer du heute bist. Dich kenne ich nicht seit damals.)
Wie wir geworden sind, wer wir heute sind.
Das alles passt natürlich nicht in 3:11, ich hörte noch andere Stücke. Da war der Regen dann aus und ich war den ganzen Weg abgegangen, bis zu meinem Sofa in Berlin, in einem dunklen Zimmer. Es hat sich alles richtig angefühlt.
Wie immer ein bisschen nervös, ob auch die richtigen Songs bei Youtube zu finden seien – denn was bei Youtube nicht auftaucht, existiert nicht – fand ich sie, alle.
Ich begann, natürlich, mit Heart of Gold, und plötzlich kam es zum perfekten Moment, nämlich: regnete es draußen, nämlich: war es dunkel im Zimmer, nämlich: spielte da Heart of Gold, und ich wollte einem Zweiten etwas zeigen und wurde dabei von mir selbst überrascht. Wer ich damals war, als ich diesen Song zum ersten Mal hörte, wer wir waren. Wer ich heute bin. (Wer du heute bist. Dich kenne ich nicht seit damals.)
Wie wir geworden sind, wer wir heute sind.
Das alles passt natürlich nicht in 3:11, ich hörte noch andere Stücke. Da war der Regen dann aus und ich war den ganzen Weg abgegangen, bis zu meinem Sofa in Berlin, in einem dunklen Zimmer. Es hat sich alles richtig angefühlt.
Sunday, May 2, 2010
#15, Die Schönheit der Unbeholfenheit
Das Tapsen von nackten Füßen, das immer unbeholfen wirkt, klingt am schönsten auf gesprungenen Terrazzo-Böden.
Saturday, May 1, 2010
#35, Liebe zum ersten Mai
Zwei stehen am Kottbusser Tor mitten auf der Straße und küssen sich. Als sie die Augen wieder öffnen, steht auf der einen Seite, ihnen zugewandt, eine Einsatzmannschaft Polizisten und hinter ihnen eine Gruppe Türken. Alle feixen.
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