Tuesday, February 1, 2011

#200, Der Barbier von Lissabon (Achim)

Kai erzählt die Geschichte der unruhigen Hand, ein echter Klassiker! Er ist betrunken und muss sie erzählen, ich habe keine Wahl und höre ihm zu. Der Barbier von Lissabon war 85, arbeitete in einem Herrensalon, in Lissabon, kein Frisör, nein, ein Barbier mit feinen Händen, die immer frisch gewaschen wirken. Auch in dem Alter noch steckt er in seinem Kittel wie im Frack, und mit sanft erhobenen Armen kam er mir näher und er seifte mich ein, schärfte die Klinge, sie zittert in der Hand, einen Zentimeter hat er noch, und so er den Hals erreichte wurde seine Hand ruhig und ich atmete durch, als kein Blut den Schaum verfärbte. Die Rasur war aller erste Sahne, ich kann Dir sagen, nie wieder habe ich so geschwitzt unter dem Schaum, und nie wieder fühlte ich mich derart Frisch nach der Rasur, ein Meister, ein Handwerker, einer, dessen Arbeit jeden Preis Wert ist. Er will eine neue Zigarette anzünden, sucht nach Feuer, und ich zeige auf die, die er noch zwischen den Fingern hat und beim Erzählen vergaß und sicher noch zwei Züge hergibt. Sein Kopf dröhnt, ich kann es sehen, denn er drückt ein Auge zu, um den Ascher zu treffen.

Monday, January 31, 2011

#10, Zirkelschluss

Schlimm, wenn die alten Freunde weggehen.
Schön, wenn sie wiederkommen.

Sunday, January 30, 2011

#197, Café Paradiso

Kneipennamen gibt es ja viele blöde. Vor allem im hippen Teil von Neukölln findet man eine schöne Auswahl von richtig bescheuerten Kneipennamen, da gibt es zum Beispiel die „Kachelounge“, also gesprochen Kachel-Lounge, oder den Laden, der fast einmal „Klick“ geheißen hätte, dann im letzten Moment aber den weit polyglotteren Namen „Gaston“ erhalten hat. Dazu kommen all die Kneipen, deren Namen der aktuellen Unsitte geschuldet sind, zwei Eigennamen zu führen (möglichst die der Besitzer), die sich im Folgenden dann aber natürlich niemand merken kann. Da gibt es in meiner Straße etwa das „Cindy und Bert“, ein bisschen weiter oben am Kanal das „Marianne und Michael“ und Richtung Treptow das „Gitte und Klaus“ mit dem wunderbaren fränkischen Strauss-Bier.
Mein Lieblingsladen ist aber eine Kneipe Richtung Metro, eine Kneipe, in der grundsätzlich nur ein paar Säufer zwischen blinkenden Spielautomaten herumsitzen. Diese Kneipe hieß bis gestern „Café Endstation“, was ich lange nicht anders als ironisch verstehen konnte. Anscheinend ist den Besitzern aber im aufstrebenden Umfeld der Fun-Berliner und Mitte-Flüchtlinge ihr eigener Realismus ein bisschen auf die Nerven gegangen. Der Laden mit seinen drei Säufern und den blinkenden Spielautomaten heißt jetzt „Café Paradiso“ und in den Schildern fliegt sogar ein bunter Papagei.

Saturday, January 29, 2011

#177, Auf Buchstaben pusten (Achim)

Ich habe Johannes besucht, in einer Galerie sitzt er an einem winzigen Schreibtisch, wie ein Ausstellungsstück das die Besucher seiner Bilder neugierig beäugt – um ihn herum beängstigende Tuschzeichnungen, schwarz, grau, mit Schrift durchsetzt und Gesichtern, die aus Fotos in die übermalende Farbe drängen, Schrift in Buchstaben die einzeln gemalt sind, sich verkanten und fügen, voller Haken, teils nur Symbole, Gestalten, bepustet, wie er sagt, als die Farbe noch tropfnass war, so dass sie ausfransen und in das Bild wandern. Ich kenne Johannes und ich weiß wo er war, als er die Buchstaben bepustete, er hat es mir erklärt, und ich stelle mir vor wie er gebeugt über dem Papier hing, pustete und pustete, den Schwindel erlebte, Pausen machte, die Bilder trocknen ließ und schließlich zeigte – vor vielen Jahren. Die Bilder bleiben hier, sagt er, jemand kümmert sich um sie, er hat genug. Die eine Wand hier ist rosa, er wollte das so, der Rest der Galerie bleibt weiß. Er fragt: Wie findest Du die Farbe? Ich liebe rosa, sagte ich ihm, und freue mich über seine Wahl.

Friday, January 28, 2011

#173, Allerweltsgeschichte

Neulich in der Kneipe stehe ich am Tresen, neben mir ein Typ, den ich schon einmal gesehen habe. Er dreht sich zu mir und quatscht mich mit dem ältesten Spruch der Welt an, er sagt: Sag mal, kennen wir uns nicht von irgendwoher?
Fast muss ich lachen, aber trotzdem beschließe ich, ihm noch bis zur nächsten Antwort Zeit zu geben. Na ja, sage ich, wahrscheinlich sind wir beide öfter hier.
Er guckt und schaut und tut, als ob es etwas nachzudenken gäbe und dann überrascht er mich. Nein, er schüttelt den Kopf, wir kennen uns aus der Metro. Aus der Metro? Nicht dass ich wüsste. Er insistiert, als ob ich geantwortet hätte: Doch, doch, ich habe gelesen und du hast mich angesehen und dann bin ich ausgestiegen.
Dunkel, ganz dunkel erinnere ich mich, Allerweltsgeschichte. Er hielt sein Buch in einem Winkel, dass ich den Titel nicht erkennen konnte. Aber das sage ich nicht.
Stattdessen beglückwünsche ich ihn zu seinem guten Gedächtnis. Und mich dazu, vor über einem Jahr einmal erinnerungswürdig geguckt zu haben.

Thursday, January 27, 2011

#67, Heute hier, morgen da

Ich wohne zur Probe, jeden Tag fast, so um die zehn Minuten. Ich durchmesse fremde Räume mit Schritten und überlege, wie man möglichst elegant Einbauküchen loswerden könnte. Ich werfe neugierige Blicke aus Fenstern und abschätzende auf die Personen, die mein Probewohnen durchkreuzen. Habe ich das alles hinter mich gebracht, komme ich zu dem Schluss: Nein, hier möchte ich nicht wohnen.
Und dann gehe ich zurück nach Hause.

Wednesday, January 26, 2011

#198, Cuba-Nachtrag: Viele Kubas

Wir hatten erwartet, dass zwei Wochen ausreichen würden, um uns eine Vorstellung von Kuba zu machen. Doch unser Projekt war ein bisschen kurz gegriffen, denn wir trafen kubanische Gangster in Rapper-Manier, Hausfrauen, die in Ruinen lebten, wir trafen reiche CUC-Kubaner, auch einen katholischen Priester. Und damit fanden wir nicht ein Kuba, eine Wahrheit, an die man sich halten, von der man zu Hause berichten konnte, sondern wir fanden zwei, drei, viele Länder auf dieser Insel.
Die Wahrheit von Jesús war eine, die sich nicht nur auf sein eigenes Land bezog. Der über 70-Jährige ist ein Veteran der Revolution, er hat damals mitgekämpft, das ist verbürgt. Was die aktuelle Weltlage betrifft, ist er erstaunlich gut informiert, wenn man die Nachrichtenleere in den Parteiblättern bedenkt. In seinem Abriss der letzten 50 Jahre strahlt Kuba einen Glanz aus, der die Welt erhellt. Denn Kennedy wurde ermordet, weil er mit Castro paktieren wollte. Und Deutschland, strahlt er, ist noch immer eines der fortschrittlichsten Länder der Welt, weil der kommunistische Teil akzeptiert hat, den kapitalistischen zurückzunehmen.
„Geht und kämpft in euren Ländern für die Revolution,“ gibt er uns nach Stunden mit auf den Weg. Wir nicken, fast schon mit einem Kloß im Hals.

Tuesday, January 25, 2011

#149, Nachtrag Cuba: Blaue Lagune

Im Naturschutzgebiet sind wir die einzigen Badenden am Strand. Kein Wunder, es war nicht einfach, hierher zu kommen. Der Rest der kleinen Insel ist von Mangroven überwuchert, aber hier in der Bucht ist der Sand fein und weiß. Die großen Krebse entfernen sich seitlich, wenn ich baden gehe, die kleinen Krebse ducken sich unter Muschelschalen. Um zu sehen, was auf dem Grund passiert, brauche ich keine Taucherbrille.
Am Strand finde ich Korallen und nie gesehene Muscheln. Lu lacht und sagt, ich benehme mich wie ein Kind. Das meint er freundlich.
Am Abend sind wir noch immer allein. Es ist ganz still, außer gelegentlichem Vogelgezwitscher hört man nichts bis auf das sachte Geräusch des Wassers. Die seichten Wellen flappen auf den Strand, wo sie dazu führen, dass sich die Sandkörner, Steinchen und kleinen Muschelschalen aneinander reiben. Es hört sich an wie flabschwiiiiii, mit einem ganz leise geflüsterten i am Ende.

Monday, January 24, 2011

#118, Nachtrag Cuba: Tugend aus der Not

In Cuba gibt es am Abend nicht viel zu tun, die Straßen sind dunkel, denn das Licht ist teuer, genauso wie der Schnaps. Zum ersten Mal seit Jahren genieße ich tägliche acht bis neun Stunden Schlaf.
Am Morgen erwache ich ohne Wecker, und trotzdem ist es noch früher Tag. Weil es kein warmes Wasser gibt, dusche ich kalt und fühle mich frisch und stark nach dem Abtrocknen.
Das Frühstück ist eine Vitaminbombe, es gibt frisch gepressten Orangensaft, dazu geschnittenes Obst, heute hat die Wirtin Bananen, Ananas und Papaya aufgetrieben.
Von der Zigarette nach dem Essen wird mir schwindelig, entgegen meiner Gewohnheit drücke ich sie aus. Und zum ersten Mal denke ich ernsthaft darüber nach, meinen Lebensstil zu verändern.

Sunday, January 23, 2011

#153, Nachtrag Cuba: Endlich. Die Schöpfer.

Wir fahren über Land. Draußen scheint die Sonne, der Himmel ist blitzblau, in der Karibik ist das der Winter. Die Landschaft ist hügelig, es gibt Palmen, Kühe, später riesige Felder mit Tabak, mit Zuckerrohr, mit Bananen. Menschen sehen wir keine. Mir scheint die üppige Vegetation dort draußen gut gepflegt, ein Garten ohne Gärtner.
Wir fragen uns, wie die Flora im Sommer, nach dem Regen, aussehen mag. Muss man das, was wir sehen, als winterlich karg verstehen? Oder ist die Landschaft im Sommer verbrannt, wie man es aus südeuropäischen Ländern kennt?
Wir fahren stundenlang, und noch immer sind wir nicht einmal am Rand eines Dorfes vorüber gekommen. Stattdessen gibt es weiterhin Palmen, Kühe, riesige Felder mit Tabak, Zuckerrohr und Bananen. Alles menschenleer. Wann wird hier gesät, wann geerntet?
Dann endlich sehe ich zwei Männer. Sie sitzen am Rand eines Bananenhains im Schatten einer Bananenstaude, sie erzählen sich etwas. Bei mir denke ich: Endlich. Die Schöpfer.

Saturday, January 22, 2011

#200, Nachtrag Cuba: Bevor man ankommt

Wer reist, wappnet sich – denn er weiß, dass es gilt, Unbill zu überstehen. Die Verspätung, die unbequemen Sitze, die aberwitzigen Schlangen vor der inmigración: all das nahm ich, als erfahrener Kosmopolit, mit Humor.
Als ich meinen Rucksack neben dem Gepäckband liegen sah, hätte mich der penetrante Geruch nach Olivenöl freilich warnen können. Aber ich hatte einfach nicht damit gerechnet, dass irgendein Trottel ein Bataillon von Olivenölflaschen in seinem Gepäck versteckt hatte, das dann natürlich beim Transport zerbrach. Mein Rucksack war in Öl eingelegt und zog wie eine Schnecke eine glitschige Spur hinter sich her, als ich ihn vor den Flughafen schleifte. Da war nichts zu machen: Eben noch erfahrener Kosmopolit, war ich jetzt bloß noch eine stinksaure Touristin, das Olivenöl hatte sich fest mit der Erschöpfung verbacken und führte dazu, dass ich von Kuba schon genug hatte, bevor ich die Insel überhaupt betrat.
Wir nahmen ein Taxi in die Stadt, Habana, die ich mir lange vorgestellt hatte, konnte mir egaler nicht sein. Wir kamen durch eine Favela, die meine Stimmung nur versinnbildlichte. Dort auf der Veranda probten zwei zwölfjährige Mädchen in kurzen Hosen eine Art Synchrontanz. Sie lachten und stubsten sich gegenseitig.
Ich atmete tief ein: Jetzt konnte es losgehen.

Friday, January 21, 2011

#194, Das Bild mit den Herzen (Achim)

Das Bild mit den Herzen hält mich zum Narren. Drauf sind zehn Herzen, ein Bund Radieschen und eine Rübe, ein paar Linien, die Risse sein könnten, und ein paar krakelige Namen neben Buchstaben - nur ein Herz heißt Herz. Immer wieder nehme ich es ab, öffne den Rahmen und erneuere die Klebepunkte auf der Rückseite. Dann hält es eine Weile, und ich denke schon: Jetzt warst Du gründlich genug. Und dann, nach einem Jahr oder zweien, hat es sich doch wieder gelöst und hängt schief hinter der Glasplatte. Jetzt habe ich genug, ein neues Bild ist da – die Gebrauchsanleitung des Föhns, den ich zum Geburtstag bekommen habe. 15 Jahre habe ich die Haare nicht mehr geföhnt - doch er liegt gut in der Hand und pustet schön kräftig, so dass ich ihn behalten will, auch wenn ich ihn lieber nicht oft benutze. Die Gebrauchsanleitung ist so groß wie der Kunstdruck, ein riesiges Poster voll winziger Schrift, in wenigstens 10 Sprachen die Bedienung für nur drei Knöpfe, einer regelt die Temperatur, einer das Gebläse, und einer geheimnisvolle haarschonende Ionen. Viel Text für nichts, und immer das selbe – das ideale Bild das meinem Spott gerecht wird.

Thursday, January 20, 2011

#73, Reise hinter einen Sessel (Achim)

Der Ofen ist zu heiß geworden, denn ich habe die ganzen schlechten Kohlen, die ich noch hatte, auf einen Schlag hineingeworfen. Jetzt ziehe ich den Sessel ein Stück weg, beuge mich über die Rückenlehne, greife nach den Büchern die dahinter verstauben und kippe mit dem ganzen Ding um. Ich lande in Japan, in Zeichenlernbüchern und klassischer Prosa . Den „Lob des Schattens“ finde ich wieder und bleibe gleich liegen, so wie ich fiel.

Wednesday, January 19, 2011

#200, Die Schönheit einer rissigen Fassade (Achim)

Zwar könnte ein Text schön sein, der den Blick auf das Lebenswerte richtet – doch noch lieber möchte ich Haken schön finden, die das Leben nicht nur schlägt, sondern es zu zerreißen drohen. Eine alte Frau die zu Kriegszeiten mit Künstlern befreundet war, die mit einem oder zwei Beinen im Knast saßen, sagte mir, ich soll Mut haben und bloß nicht den Mund halten. „Man kann es überleben!“ sagte sie, und sah mich an. Und eine Bekannte sagte, ein Gedicht, dass um einen Fehler kreist, könne sehr wohl gelungen sein. Gemeint war erst mal nur ein Fehler in der Form, der den gebildeten Leser verärgern könnte, um ihn auf den zweiten Blick in das Gedicht hinein zu ziehen.. Vom Klettern kenne ich Klemmkeile: Man steckt sie in Spalten und zieht an ihnen – unter Zug sitzen sie fest. Ein Kletterer sieht sich die Wand an, sucht nach Spalten, plant die Route. Ähnlich betrachte ich die Fassaden der Altbauten: Wo sind noch Einschusslöcher vom letzten Krieg, wo Nistplätze für Spatzen, wo bröckelt und wo glänzt sie und wo hat sie über die Jahre Würde behalten. Als Knabe wollte ich die Felswände hoch – jetzt genügt der Blick auf die Fassade um unruhig zu werden.

Tuesday, January 18, 2011

#199, Die Schönheit oberflächlicher Frauen (Achim)

Wer glaubt, oberflächliche Menschen seien stumpf, der irrt. Die Oberfläche ist Stumpf nur für Menschen, die nicht oberflächlich sind, oder nicht wissen, was es heißt, oberflächlich zu sein. Die Oberfläche ist der Ort der Berührung. Nur wer empfindsam ist findet gefallen an ihr, und wer sie liebt ist ihrer Schönheit ergeben. Immer wieder treffe ich Menschen, die in ihrer ganzen Art den Eindruck erwecken wollen, nicht oberflächlich zu sein. Sie wollen zeigen, wie sehr sie sich bemühen eine Sache zu durchdringen, ja dass sie sogar ganz unter dem, was ertastbar ist, zu Hause sind. Sie wünschen man möge sie dort wähnen, dort wo sie glauben, Schönheit und Wahrheit seien näher beisammen. Das ist Unsinn, denn die Wahrheit ist sichtbar, und schön nur am Licht, an der Oberfläche, am Ort der Berührung. Manchmal, selten, treffe ich jemanden, der fast zur Entschuldigung gesteht, oberflächlich zu sein, nur, damit mein Eindruck nicht in die Irre geleitet wird. Ich hoffe sie wünschen jemanden zu treffen, der die Neigung zu dem, was die Sinne erfüllt, genauso kennt wie die Abneigung darunter unnötig zu wühlen. Ich werde rot und lade sie ein, nur um zu ertasten, was möglich ist, und wohin die Blicke uns lenken.

Monday, January 17, 2011

#199, Listen (Achim)

Immer wieder bekomme ich Listen von Platten. Ich meine keine mit dem Computer erstellten Tabellen, sondern solche, die in den 50er und 60er Jahren modern waren, Listen, die eigentlich Verzeichnisse sind, mit der Schreibmaschine getippte Karteikarten die ein mürber Gummi zusammenhält, oder Ordner, die Adressbüchern ähneln und in die die Titel eingetragen sind, dazu stets Nummern, die als kleine goldene Aufkleber auch auf den Platten zu finden sind. In dieser Reihenfolge standen sie im Regal, meist so, wie sie gekauft wurden, Schlagerplatten, Karneval, die schönsten Werke von Beethoven, die Platte mit den Herrenabendwitzen, die eine aus dem Urlaub in Griechenland, und die zwei für Weihnachten. Wurde eine Platte angeschafft, wird einer in der Familie die Schreibmaschine auf den Tisch gestellt und mit der Platte in einer Hand die Liste ergänzt haben. Die Platten zu solchen Listen sind fast immer ungenießbar, aber die Listen selber, die sind schön. Sie zeigen eine eigene Handschrift, eine Art spießiger Fürsorge, die aus heutiger Sicht lächerlich scheint. Registriert und fügsam, so enden die Platten im Schrank – ein sinnloser Anstand, der da ans Licht kommt. Dennoch fällt es mir schwer, die Listen wegzuwerfen – die Platten will ich nicht, aber die Listen, die will ich sammeln.

Sunday, January 16, 2011

#200, Pass mal auf! (Achim)

Der eine in Rente weiß Rat: „Pass mal auf, ich erklär es Dir!“ fängt er an und erzählt eine Geschichte die er erlebt hat. „So. Und dann machst de ...“ sagt er mehrmals, wie der Chef der den Lehrling einweist – der Lehrling bin ich. In der Regel habe ich ihn nichts gefragt, und in der Regel hat die Geschichte die er erzählt nichts mit dem zu tun, womit ich mich grade beschäftige. Er könnte auch sagen: „Hey Achim, komm mal her, ich habe Langeweile und will Dir was erzählen!“ - doch ein Rat scheint ihm willkommener zu sein. Seit einigen Wochen lasse ich ihn nun ausreden, und er knüpft geschickt Rat an Rat an, wie Geschichten in Serie - sie fügen sich langsam, wie im Fernsehen, und ich erkenne Hauptfiguren und wesentliche Verwicklungen wieder. Wenn das Gespräch stockt und ich es mit „der Dings ...“ wieder aufleben lasse zieht er mit, „ja, genau, wie heißt er noch gleich?“ Manchmal fällt ihm ein Name ein, einer den ich auch kenne, und er erzählt weiter, rückt ein Stück näher an mich ran, spendiert einen Kaffee und strahlt, als hätte er keinen Rat gegeben, sondern eine Schönheit aufgesagt, eine, die in Erinnerung bleibt.

Saturday, January 15, 2011

#199, Abschminken (Achim)

Die Schönheitssalons an denen ich vorbeispaziere sind voller Menschen, die ich lieber ohne Schminke treffen möchte, die aber nur mit Fett und Lack auf Haut und Nägeln bereit sind mir gegenüber zu treten. Einige fühlen sich nur so in ihrer Schönheit sicher, sagte mir mal eine in Lippenstift – andere halten sich Blicke die anziehen sogleich auch auf Abstand. Da ich nun selber in einem Schönheitssalon arbeite und Schminke zu meinem täglichen Brot gehört, weiß ich kaum noch wie ich mich retten soll. Schminke überall, die Föhnhaube dröhnt und die Bude ist überhitzt und riecht nach Puder. Als Feind des nur Hübschen scheine ich in eine Hölle geraten zu sein, und bin drauf und dran mir einen Weg ins Freie zu sprengen. Nun sitze ich hier, habe den Job und die Affäre, und muss mich umsehen, nach Arbeit die mir liegt. Ganz in der Ecke, hinter der Trennwand, könnte ich einen Stuhl stellen, ein Service für den Feierabend: Abschminken, ganz professionell. Und noch lieber will ich ran an die Schaufenster, Bilder malen, so wie der Spruch, die Telefonnummer mit Lippenstift auf den Spiegel gemalt, von der Frau die ich eigentlich ansprechen wollte - Schminke ist schön in den richtigen Händen.

Friday, January 14, 2011

#192, Schön und hübsch artig (Achim)

Ein Politiker sagte mal, er will seiner Partei helfen, die Deutungshoheit von gesellschaftlichen Schlüsselwörtern zu erringen, also was Freiheit, Armut und Macht heißen soll. Er steht am Pult, vor der Partei, und greift nach Wörtern, will sie an sich reißen, um die Macht der Partei zu sichern, Wörter wie Regeln im Dienste der Macht wissen. Wie man nach Wörtern greift weiß ich nicht, aber ich weiß das ich den Zipfel den ich an ihnen halte nicht hergeben will. Einige habe ich lieb gewonnen, und das was sie schön macht könnte in der Faust eines Politikers erblassen. Ich hoffe allerdings, dass der Politiker am Pult die Fügsamkeit der Wörter, nach denen er greifen will, überschätzt, und dass sie in Regeln der Macht gezwängt nicht hübsch artig und gefällig klingen wollen, sondern schlichtweg noch immer auf eine widerborstige Art schön sein können. In der Faust des Politikers sind Wörter schön, die sich winden und ihre Kraft zeigen, und hübsch sind sie, wenn sie ihm schmeicheln. Schön, nicht hübsch, so will ich sie treffen, will gar nicht ringen, nicht mit der Faust, nicht um die Hoheit, nur um die Schönheit, und gar nicht hübsch artig.

Thursday, January 13, 2011

#197, Irgendwohin fahren (Achim)

Da muss nur jemand sagen: Ich fahre nach Frankfurt – und schon fahre ich mit, bin ihm gar voraus, und spaziere dort, wo meine Erinnerung ihren Ort hat. Einmal lief ich durch Paris, eine Nebenstrasse entlang, vorsichtig, um nicht gesehen zu werden, von jemandem, der grinst und weiß, was mich hierher treibt. Einmal lief ich durch London, durch Köln, durch Barcelona , nur weil dort etwas ist an das ich mich erinnere, das ich gelesen habe, ein Satz nur, ein Platz über den der Romanheld schlendert, der Strand weit hinten an der Dublin Bay, nichts weiter, nur diese paar Schritte, und wenn ich dort schlendere bleiben die Glieder oft steif und ich verziehe mich schleunigst in das Museum das sein muss. Wäre ich in Cuba wollte ich von den Wellen an einer hässlichen Betonstrasse nass werden, und wäre ich in New York suchte ich das Ende des Broadways. Morgen fährt jemand nach Wien, und ich will mit, bin schon da, stehe an der Ecke, betrachte die Gegend und halte die Hände in der Tasche, um unsichere Bewegungen zu vermeiden. Mein Gegenüber fragt: Kennst Du denn Wien? Nein, kaum, ist Jahre her. Eine Postkarte kam neulich, sonst lange nichts.